Im Libanon lebende Deutsche haben eine eigene Gemeinde. Sie ist evangelisch und existiert seit 1856 – und längst gehören auch Katholiken dazu. Wenn gefeiert wird, dann “schön deutsch”, sagt Pfarrerin Renate Ellmenreich.
Die deutsche Evangelische Gemeinde in Beirut gibt es seit 1856, und sie hat seitdem viele Veränderungen verlaufen. Ein Termin aber ist seit dem 19. Jahrhundert fix: Am letzten Samstag vor dem ersten Advent trifft man sich zum Basar. Neben Käsekuchen, Würstchen und Kartoffelsalat sind Adventskränze die wichtigste Attraktion – und für den Termin verantwortlich. “Die müssen zum ersten Advent auf den Tischen stehen”, sagt Renate Ellmenreich, seit September 2023 Pfarrerin der Gemeinde. “Weil es diese Tradition im Libanon sonst nicht gibt, binden die Frauen der Gemeinde tagelang Adventskränze – und wir sind immer die ersten mit unserem Weihnachtsbasar.”
Eigentlich wäre Renate Ellmenreich, seit zehn Jahren im Ruhestand, nur für 14 Monate nach Beirut gekommen. Dann brach der Krieg zwischen der Hisbollah und Israel aus. Die Pfarrstelle konnte nicht neu besetzt werden. Ellmenreich verlängerte. Im letzten Sommer dann feierte sie ihren vermeintlichen Abschied. Wieder gab es Schwierigkeiten bei der Neubesetzung. Ellmenreich blieb. “Man kann eine Gemeinde in diesen Zeiten nicht alleine lassen”, sagt sie. Auch die Gemeinde blieb. “Wegen Krieg geht hier niemand. Vor allem wer lange hier lebt, hat Residenz entwickelt. Von den anderen wurden vielleicht einige zurückbeordert, aber sie sind alle zurück.”
Der Krieg hat das Gesicht Beiruts verändert, sagt die 75-Jährige. Tausende aus dem konservativen schiitischen Süden wurden aufgenommen, die Solidarität auch seitens der Gemeinde war groß. “Auf einmal sah man so viele vollverschleierte Frauen in den Straßen, so viel schwarz. Manche sagten, dies ist nicht mehr unser Beirut.” Gefreut habe man sich, als mit dem Waffenstillstand die Menschen wieder in den Süden zurückgegangen sind. “Die Beirutis haben eine Woche lang ihre Straßen gefegt. Dann konnte Weihnachten kommen.”
Ihre Gemeinde hat der Krieg noch enger zusammenwachsen lassen. “Seit 2011 haben wir ununterbrochen jeden Dienstag ein Friedensgebet. Als der 7. Oktober 2023 kam, waren viele im Schock, saßen am Fernseher und sahen die Bilder. Als Pfarrerin war ich dankbar für das Format, das es erlaubt, Kerzen anzuzünden, zu klagen, zu beten”, sagt Renate Ellmenreich. Es seien auf einmal viele gekommen, die nicht zu den regelmäßigen Kirchbesuchern zählen.
Dem Krieg fiel zuletzt der Weihnachtsbasar zum Opfer. Um so größer ist in diesem Jahr der Andrang. “Ab neun Uhr musste ich die Tore zum Gemeindegelände zuhalten, während sich draußen lange Schlangen bildeten”, sagt die Pfarrerin. Um zehn Uhr schließlich gab es den Startschuss. Glühwein und Kuchen waren schon mittags aus, auch die Bratwürstchen, die ein Trupp deutscher Unifil-Soldaten im Innenhof grillte, reichten nicht bis zum Schluss. Am Rande der deutschen Spezialitäten spielten sich kleine Dramen ab. Als einzelnen Damen etwa der Wunsch verwehrt wurde, gleich einen ganzen Käsekuchen oder die Großpackung gefrorene Würstchen zu kaufen.
Die Erlebnisse sorgen für Erheiterung bei den beteiligten Soldaten und Freiwilligen. Und sie weisen auf eine Herausforderung für die Auslandsgemeinde hin. “Es gibt tatsächlich Menschen, die vor allem wegen des Käsekuchens herkommen. Aber die Damen, die ihn backen können, werden immer weniger”, sagt die Pfarrerin. Genau genommen seien es noch zwei. Die Gemeinde spüre, dass eine tragende Generation langsam wegsterbe: Deutsche Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den Libanon eingeheiratet haben. “Jahrzehnte lang lag die Gemeinde in ihren Händen. Heute sind alle über 80, und sie werden weniger”, so Renate Ellmenreich.
Heute zählt die Kerngemeinde 117 Mitglieder, dauerhaft im Libanon Lebende und deutsche Entsandte. Sie sind wie ein Verein organisiert und finanzieren sich über Mitgliedsbeiträge – und über Aktionen wie eben den Weihnachtsbasar. Aus dieser Perspektive freue sie sich, dass der Basar so früh ausverkauft gewesen sei.
Längst haben auch auslandsdeutsche Katholiken ihren Platz in der Gemeinde gefunden. Der Gemeinderat sei bereits “etwa 50/50”, und auch in der Gemeinde komme das grob hin. Auch das Standing der Protestanten unter den anderen Konfessionen findet die in Berlin geborene Pfarrerin interessant. “Sie haben keinen Patriarchen, keinen Bischof, kaum Pfründe zu verlieren und sind trotzdem überall, wie die Beamtenschaft, die aus der zweiten Reihe die Arbeit macht. Sie gelten als die Vernünftigen und sind gern als Mediatoren gesehen”, so Ellmenreich.
In der Gemeinde sorgt man sich, dass der Waffenstillstand brechen könnte. Manche, erzählt die Pfarrerin, trauten sich nicht, zu Weihnachten zu ihren Kindern zu fliegen, aus Angst, nicht wieder zurückzukommen. “Manchmal ist die Situation jetzt noch unerträglicher als während des Kriegs”, sagt sie. Auch ihre Gemeinde knüpft ein paar Hoffnungen an den Besuch von Papst Leo XIV. Man wünsche sich, dass es ihm gelingt, den Stillstand im Land aufzulösen. Es gebe eine neue Regierung mit einigen guten Ideen und guten Leuten. “Aber nichts passiert, weil Hisbollah alles blockiert.”
Auf dem Gelände der Pfarrei räumen sie die letzten Spuren des Weihnachtsbasars auf. Wer jetzt noch da ist, sitzt bei einem Glas Wein zusammen und diskutiert die politische Lage. Das nächste Mal werden viele von ihnen ihm 24. Dezember hier zusammensitzen, diesmal zum festlichen Mittagessen. Mit Rücksicht auf die älteren Damen der Gemeinde wird die Christvesper schon um 11 Uhr vormittags gefeiert, gefolgt von Truthahn, Knödel und Rotkohl. Renate Ellmenreich lacht. “Wenn wir feiern, muss es schön deutsch sein.”