Der siebte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung liegt vor. Für Laien ist die Lektüre des rund 700 Seiten umfassenden Werks schwere Kost. Die Caritas fordert Konsequenzen in der Sozialpolitik.
Der Deutsche Caritasverband fordert mit Blick auf den jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche aus armen Familien. Zukunftsperspektiven für diese Heranwachsenden würden über Frühe Hilfen, frühkindliche Bildung und Erziehungsberatung eröffnet, sagte Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Für Jugendliche brauche es Unterstützung bei der Ausbildung und beim Übergang in den Beruf.
Als unübersehbar bezeichnete die Verbandspräsidentin die Einsicht, “dass Armutsrisiken weiterhin durch eine geschlechtshierarchische Arbeitsteilung entstehen, wenn Mütter lange Jahre in Teilzeit nur geringe eigenständige Rentenanwartschaften erwerben”. Hier seien renten-, arbeitsmarkt- und familienpolitische Maßnahmen gefordert – “nicht zuletzt die Einführung eines permanenten Rentenanwartschaftssplittings”.
Zuvor hatte das Kabinett den Bericht verabschiedet. Er soll einmal in jeder Wahlperiode vorgelegt werden. Der für den siebten Armuts- und Reichtumsbericht untersuchte Zeitraum umfasst die Corona-Pandemie sowie die Inflations- und Energiepreiskrise in Folge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Als Entwurf war der rund 700 Seiten umfassende Bericht schon seit längerem im Internet einsehbar. Im Kabinett wurde er ohne Änderungen beschlossen.
Kritik übte der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. Mit einer Fülle an Daten, Tabellen und Schaubildern gleiche die Bestandsaufnahme einem “riesigen Datenfriedhof” und sei für die Leser wenig überschaubar, sagte Butterwegge der KNA. Wer zu erfahren hoffe, ob sich die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland während des Berichtszeitraums vertieft oder eher geschlossen habe, “wo die Gründe hierfür liegen und was dagegen zu tun ist”, werde enttäuscht.
Butterwegge beklagte, dass der Bericht die Verteilung von Vermögen verschleiere. Die fünf reichsten Familien in Deutschland besäßen zusammen ein Privatvermögen von 250 Milliarden Euro. Das sei mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung, immerhin mehr als 40 Millionen Menschen, rechnete der Wissenschaftler vor. “Von den bekannten Familiendynastien, in deren Händen sich der Reichtum zunehmend konzentriert, taucht keine einzige im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung auf. Auch die Namen großer Konzerne, von Groß- und Privatbanken oder von Finanzkonglomeraten wie Blackrock finden sich nirgends. Vielmehr ist das Dokument in Bezug auf die extreme Verteilungsschieflage über weite Strecken eine Blackbox.”