Er war ein Intellektueller, ein streitbarer und unabhängiger Geist: Micha Brumlik. Der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist ist nun im Alter von 78 Jahren gestorben.
Der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik ist tot. Er starb am Montag im Alter von 78 Jahren, wie das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main am Dienstag mitteilte. Auch von anderer Seite wurde sein Tod nach langer, schwerer Krankheit bestätigt. Zuletzt lebte er in Berlin.
Von 2000 bis 2005 war Brumlik Direktor des Fritz-Bauer-Instituts. Er habe in dieser Funktion Weichen gestellt, hieß es. In seiner Amtszeit seien wichtige Ausstellungen zum Auschwitz-Prozess entwickelt worden. Zudem seien erste Schritte unternommen worden, eine eigene Professur zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität in Frankfurt zu etablieren. Diese wurde 2017 eingerichtet.
Das Selma-Stern-Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg nannte Brumlik einen langjährigen Kollegen und Freund. Als Senior Professor habe er seit 2013 den Aufbau und das wissenschaftliche Profil des Zentrums maßgeblich mitgeprägt. “Den Ruf des Zentrums als Ort wissenschaftlichen und intellektuellen Austauschs verdanken wir nicht zuletzt seiner breiten Gelehrsamkeit, seinem Engagement als Lehrer und Kollege, seiner inspirierenden intellektuellen Wachheit”, hieß es. Das Zentrum sei ohne Brumlik kaum vorstellbar. “Sein Tod ist für uns alle ein großer Verlust.”
Brumliks Weggefährte Julius H. Schoeps, Gründungsdirektor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, würdigte ihn in einem Nachruf für die “Jüdische Allgemeine” als “Public Intellectual”. In der Regel sei das, was Brumlik geäußert habe, “sehr differenziert und nuanciert, manchmal deutlich aneckend” gewesen. Dogmatisch sei er nicht festgelegt gewesen.
Einen Namen machte sich Brumlik als Hochschullehrer, Grünen-Kommunalpolitiker und Autor. Brumlik engagierte sich im christlich-jüdischen Dialog und bekam für seine Verdienste auf diesem Gebiet im Jahr 2016 die Buber-Rosenzweig-Medaille.
Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zu seinem 75. Geburtstag sagte er zu dieser Auszeichnung: “Es ist eine große Ehre, mit diesen beiden Giganten des jüdischen Denkens, Martin Buber und Franz Rosenzweig, in einem Atemzug genannt zu werden.”
In der Debatte über Erinnerungskultur sprach sich Brumlik für Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten aus – jedoch nur mit gründlicher Vor- und Nachbereitung für Schülerinnen und Schüler. In der Frage, wie die Erinnerung an die Schoah nach dem Tod von Zeitzeugen aussehen könnte, wandte er sich gegen Hologramme von Überlebenden und sprach von “digitalen Gespenstern”.
Geboren wurde Brumlik am 4. November 1947 in der Schweiz als Sohn jüdischer Eltern, die in der Nazi-Zeit Deutschland verlassen mussten. Anfang der 1950er Jahre zog die Familie nach Frankfurt am Main. Nach dem Abitur ging Brumlik für zwei Jahre nach Israel. Er lehrte als Professor für Erziehungswissenschaft in Heidelberg und Frankfurt und veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel.