Jazzsängerin Sarah Kaiser interpretiert Paul Gerhardt

Vom Mut, Glauben musikalisch auszudrücken: Jazz-Sängerin Sarah Kaiser interpretiert die Texte von Paul Gerhardt. Zum 400. Geburtstag des Kirchenlieddichters 2026 hat sie Auftritte an Orten, an denen Gerhardt wirkte.
Jazzsängerin Sarah Kaiser interpretiert Paul Gerhardt
Die Jazz-Sängerin Sarah Kaiser interpretiert seit über 20 Jahren Texte von Paul Gerhardt
Sergeij Falk

Die Musik wurde ihr in die Wiege gelegt. Doch anders als ihre Mutter ging Sarah Kaiser nicht in die klassische Richtung, sondern studierte Jazz-Gesang. Ihre Debüt-CD 2003 hieß „Gast auf Erden“ mit Texten von Paul Gerhardt. Warum alte Texte und moderne Musikstile zusammenpassen und was das für Glaube und Kirche bedeutet, darüber spricht Sarah Kaiser im Interview.

Wie wurde Ihnen klar, dass Sie Jazz mit christlichen Texten verbinden wollen?
Sarah Kaiser: Das hat sich ganz organisch ergeben. Während des Studiums habe ich an einem Jazz-Chorprojekt mit alten deutschen Weihnachtsliedern teilgenommen. Diese alten, sehr poetischen Lieder in einer modernen, mir vertrauten Art zu singen, war für mich ein spannendes Erlebnis. Unter den Liedern war „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“ von Paul Gerhardt. Dieser Text ist ein sehr herzensverbundener Text. Damals habe ich begonnen, mich mit Paul Gerhardt und seinen Texten zu beschäftigen, und das hat eine Lawine ins Rollen gebracht.

Was begeistert Sie persönlich an dieser Verbindung und was, in Ihrer Wahrnehmung, fasziniert Ihr Publikum daran?
Für mich ist diese Verbindung das natürlichste der Welt. Für Menschen, die seit Jahrzehnten gewohnt sind, Paul-Gerhardt-Lieder mit Orgel oder klassisch zu hören, ist es vielleicht schwieriger sich darauf einzulassen. Ich erlebe oft, dass mein Publikum sehr berührt und überrascht ist. Viele Menschen sagen mir nach einem Konzert, dass sie durch diese Interpretation einen neuen Zugang zu den Texten gefunden haben.

Musik kann auch kirchenferne Menschen ansprechen

Hat der gute alte Kirchenchoral also ausgedient?
Als Musikerin, die sehr viel in Kirchen arbeitet, beobachte ich, dass Kirchen gut aufgestellt sind, wenn sie eine große musikalische Bandbreite ansprechen. Ein gutes Beispiel dafür ist Martin Luther: Er hat für neue Lieder damals Kneipenmelodien genutzt und Texte in verständlichem Deutsch verwendet. Das war eine absolute Revolution, und es hat den Menschen, die nicht in Latein geschult waren, den Zugang zu Gottes Wort ermöglicht. Es hat sie angesprochen. Auch heute möchte die Kirche die breite Bevölkerung erreichen. Aber ihre Musik spricht häufig nur bestimmte Gruppen an – Menschen eines bestimmten Alters, Bildungsstandes oder mit bestimmten musikalischen Vorlieben.

Durch Ihre Arbeit machen Sie Ihren Glauben öffentlich. Viele Menschen sehen ihren Glauben eher als etwas Privates an. Wie sehr braucht es Vorbilder in der Religion?
Glauben tun alle. Die Frage ist: Woran? Ich glaube an Jesus Christus, seinen Tod und seine Auferstehung, und ich bin mir bewusst, dass das eine gewisse Polarisierungskraft hat. Jeder Musiker macht Musik über das, was er ausdrücken will, und für mich gehört dazu auch der Glaube an Jesus, an Gott. Ich singe nicht ausschließlich nur geistliche Texte, aber wenn der Glaube an Gott ein wichtiger Teil unseres Lebens ist, wünsche ich uns das Selbstbewusstsein und den Mut, ihn auch in unserer Musik auszudrücken.

Die Musik von Paul Gerhardt ist zeitlos

Welche Texte von Paul Gerhardt empfinden Sie gerade heute als besonders relevant?
Gute Frage! Ich würde nie sagen: Es ist dieser eine Text. Paul Gerhardt spricht so viele verschiedene Aspekte an, aber ein zentraler ist das Vertrauen auf Gott: Lasst uns auf Gott vertrauen, aber lasst uns nicht selber Gott sein. Wir sagen ja immer „in unserer heutigen Zeit“, aber die Zeiten wiederholen sich in der Menschheitsgeschichte. Paul Gerhardt hat Deutschland in schlimmster Kriegssituation erlebt, er erlebte während des Dreißigjährigen Krieges Mord, Totschlag, Pest, Ausrottung von ganzen Dörfern. Bei seinem Lied „Nun lasst uns gehen und treten“, denke ich: Das hätte er auch heute schreiben können, das finde ich zeitlos und heute wieder hochrelevant.

Was haben Sie für das Gedenkjahr 2026 geplant und unterscheidet sich dies vom Jahr 2007, dem 400. Geburtstag Paul Gerhardts?
2007 war die CD „Gast auf Erden“ vier Jahre alt und wir hatten gerade noch eine weitere CD mit einigen Liedern von Paul Gerhardt, „Geistesgegenwart“, veröffentlicht. Dadurch war alles sehr intensiv vorbereitet für den 400. Geburtstag von Paul Gerhardt. Für das aktuelle Jahr beschäftige ich mich wieder mit ihm, seinem Leben und seinen Texten. Ich stehe jetzt woanders im Leben und da ist es spannend zu erleben: Wie wirken manche Lieder heute?

Die Arrangements, die ich in Zusammenarbeit mit meinem langjährigen musikalischen Begleiter, Pianist und Produzent Samuel Jersak geschaffen habe – und er hatte einen Löwenanteil an den Arrangements – sind so schön, dass ich mich sehr darauf freue, wieder diese Lieder und Texte von Paul Gerhardt einzutauchen.

Konzerte mit Sarah Kaiser:
14. März, 17 Uhr, Paul-Gerhardt-Kirche Lübben (Brandenburg)
14. September, 17 Uhr, im Rahmen von „Sing! Paul Gerhardt“ in Ferropolis bei Gräfenhainichen

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