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Iranistin: Opposition im Iran war bisher uneins

Im Iran haben sich die Proteste gegen das Regime in den vergangenen Tagen über das gesamte Land ausgebreitet, Menschenrechtsorganisationen befürchten viele Tote. Seit einigen Tagen ist das Land vom Internet abgeschnitten. Trotz des Risikos, dass die Gewalt eskaliert – es gebe auch das Potenzial für einen friedlichen Machtwechsel aus der Bevölkerung heraus, sagt die Professorin für Iranistik an der Universität Marburg, Bianca Devos.

epd: Warum kam es überhaupt zu den aktuellen Protesten im Iran?

Prof. Bianca Devos: Auslöser war der rapide Wertverfall der iranischen Währung, die Ende Dezember 2025 ein Rekordtief erreichte. Angesichts der schweren Krise der iranischen Wirtschaft schlossen die Bazarhändler ihre Läden und gingen auf die Straße. Den Protesten schlossen sich andere Teile der Bevölkerung an, die insgesamt schon lange unter großem wirtschaftlichem Druck steht. Schnell gab es Forderungen nach einem System- und Machtwechsel. An den Demonstrationen nahmen zunehmend auch Studierende und viele andere junge Iranerinnen und Iraner teil, wodurch eine Massenbewegung über verschiedene gesellschaftliche Schichten und Altersgruppen hinweg entstand. Insgesamt stehen die jüngsten Demonstrationen in einer Reihe von Protesten, die in den vergangenen 25 Jahren immer wieder und in immer kürzeren Abständen aufflammten und von staatlicher Seite regelmäßig gewaltsam zerschlagen wurden.

epd: Bei den Protesten ist überraschend der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, in die Öffentlichkeit gerückt. Wieso taucht er plötzlich auf?

Devos: Reza Pahlavi ist der älteste Sohn des früheren Monarchen Mohammad Reza Schah, der von 1941 bis zu seinem Sturz und seiner Flucht 1979 regierte. Als designierter Thronfolger wurde Reza Pahlavi auch im Ausland ausgebildet, aber er konnte aufgrund der Revolution nicht mehr in seine Heimat zurück und lebt seit dem späten Teenageralter im Exil in den USA. Auch wenn er von Teilen der iranischen Opposition im Ausland als legitimer Nachfolger auf dem iranischen Thron betrachtet wird, spielte er in den vergangenen Protesten keine prominente Rolle. Dass er jetzt als mögliche Führungsfigur der Protestbewegung wahrgenommen wird, ist neu und hat sich erst im Laufe der Proteste entwickelt. Wie stark sein Rückhalt unter den Protestierenden innerhalb Irans ist, lässt sich derzeit angesichts der unterbrochenen Kommunikation, unter anderem wegen des abgeschalteten Internets, nicht sagen.

epd: Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie?

Devos: Eine friedliche Transformation ist sicherlich das, was sich die Mehrheit der Protestierenden und letztlich der Bevölkerung wünscht. Bisher war die Opposition zu uneins, um ausreichenden Druck auf die Führung der Islamischen Republik für einen solchen Wandel ausüben zu können. Wenn eine oppositionelle Einigung zustande käme und Entscheidungsträger in der iranischen Staatsführung einlenkten, wäre das eine Perspektive. Das Potenzial für einen geordneten und friedlichen Macht- und Systemwechsel aus der iranischen Zivilgesellschaft heraus existiert jedenfalls. Aber die Risiken einer weiteren Gewalteskalation sind ebenfalls nicht gering.