Iran: “Wann verbündet sich die Welt mit den Menschen im Land?”

Nach Chameneis Tod blickt die Exil-Iranerin Fariba Hatami-Holzbauer mit Hoffnung auf den Iran – und kämpft zugleich mit der Angst um ihre Angehörigen.
Iran: “Wann verbündet sich die Welt mit den Menschen im Land?”
Hoffnung trotz Angst: Eine Iranerin ruft die Welt auf, nicht wegzuschauen
Andreas Holzbauer

Fariba Hatami-Holzbauer wird wohl nie vergessen, wo sie war, als sie vom Tod des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei hörte. Auf einer Demonstration stand sie, irgendwo zwischen Fahnen und Sprechchören. Dann kam die Nachricht. „Wir haben gejubelt und getanzt“, erzählt sie. Dann hält sie kurz inne. „Es fühlt sich so unchristlich an, aber Gott weiß, was mein Herz sagt.“

Fariba Hatami-Holzbauer ist Iranerin, floh mit 15 Jahren alleine nach Deutschland. Bekam politisches Asyl. Heute lebt sie in Hamburg-Steilshoop. Ihr Mann, Andreas Holzbauer, ist Pastor der Martin-Luther-King-Kirche. Sie selbst berät Migrantinnen psychosozial und psychosomatisch. Für Hatami-Holzbauer fühlte sich die Nachricht vom Tod Chameneis wie ein möglicher Aufbruch an. Sie glaubt, dass der Iran an einem Wendepunkt steht.

Keine Lebenszeichen seit dem Angriff

Während Holzbauer in Deutschland über einen politischen Neuanfang ihres Heimatlandes spricht, lebt ihre Familie noch immer in Teheran. Mehrere Geschwister wohnen dort, eine Schwester nur fünf Minuten vom Flughafen entfernt. Wenn Holzbauer Nachrichten aus dem Iran liest und Bilder aus Teheran sieht, erkennt sie manchmal Straßenzüge wieder. Dann wächst die Sorge. Immer wieder habe sie ihrer Familie geschrieben: „Bitte verlasst Teheran.“

Der letzte Kontakt war am 28. Februar. Holzbauer erinnert sich genau – es war der Geburtstag ihres Mannes. Ihre Schwester habe versucht anzurufen, erzählt sie. Die Holzbauers konnten nicht rangehen. Kurz darauf begannen die Angriffe. Über eine App zur Umgehung der Internetsperren kam noch eine kurze Nachricht durch. Ihre Schwester habe gesagt, sie höre Explosionen. Seitdem geht nichts mehr. Auch im übrigen Land dringen nur wenige Informationen nach außen. Immer wieder wird das Internet abgeschaltet. Während der Gewalt im Januar verschwanden Tausende Menschen, viele wurden getötet.

Situation für Kurden schwierig

Nun also wieder. Wenn das Netz im Iran verstummt, wächst die Sorge vieler Iranerinnen und Iraner im In- und Ausland, dass das Regime gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. „Das Regime führt Krieg gegen sein eigenes Volk.“ Holzbauer verfolgt die Entwicklungen im Iran sehr genau. „Ich denke sehr politisch“, sagt sie. „Als gebürtige Kurdin bin ich gegen den Schah und dessen Dynastie.“

Bis 1979 herrschte Schah Mohammad Reza Pahlavi über den Iran. Viele kurdische Gruppen standen seiner Monarchie kritisch gegenüber. Nach der Revolution übernahmen islamische Geistliche unter Ayatollah Chomeini die Macht – doch auch unter der islamischen Republik blieb die Lage für viele Kurden schwierig. Lange habe sie deshalb auch Reza Pahlavi kritisch gesehen, den Sohn des letzten Schahs. Er lebt im Exil. „Ich habe sehr viel über Pahlavi geurteilt“, sagt sie. Doch inzwischen sehe sie manches anders. „Wer bin ich, dass ich über einen Menschen nur aufgrund seiner Herkunft urteile?“ Pahlavi habe angekündigt, nur eine Übergangsrolle übernehmen zu wollen – bis in einem freien Iran ein Referendum und Wahlen stattfinden können. „Ich würde ihn als Kanzler wählen, aber nicht als Dynastie.“

Glaube ist Kraftquelle

Aufgewachsen ist Holzbauer in einer streng muslimischen Familie. Sie habe viel im Koran gelesen, erzählt sie. „Als älteste Tochter wollte ich, dass mein Vater stolz auf mich ist.“ Doch da war auch ihre Mutter. Eines Tages habe sie ihre Tochter zur Seite genommen und ihr etwas gesagt, das Holzbauer bis heute nicht vergessen hat. Die Worte in diesem Buch, habe ihre Mutter gesagt, könne kein Gott geschrieben haben. Das seien Worte von Männern. „Sie hat mir gesagt, dass ich zweifeln darf“, erzählt Holzbauer. „Ich hatte so Glück mit dieser Mutter.“

Heute ist ihr Glaube für sie eine wichtige Kraftquelle. Gerade in diesen Tagen bete sie viel. Für ihre Familie im Iran. Und für die Menschen im Land. „Ich bete für die Verschwundenen und Gefangenen.“ Was also kann die Welt tun? „Wir müssen hier eine Stimme für die Menschen im Iran sein“, sagt Holzbauer. Damit die Angehörigen von Vermissten und Getöteten spüren, dass ihr Leid gesehen wird.

Hoffnung bleibt

Auch politisch fordert sie Konsequenzen. „Warum schließen wir nicht endlich die Botschaften der islamischen Republik Iran?“, fragt sie. „Was muss denn noch geschehen, damit sich die Welt auf die Seite der Menschen im Iran stellt?“ Und wenn das Regime eines Tages fällt? Dann dürfe nicht Gleiches mit Gleichem vergolten werden, sagt Holzbauer. „Wir dürfen unsere Herzen nicht vom Bösen regieren lassen.“ Die Verantwortlichen sollten vor Gericht gestellt werden. Aber über Leben und Tod zu entscheiden, das stehe keinem Menschen zu, sondern nur Gott.

Trotz aller Angst um ihre Familie bleibt für sie eines gewiss: „Wir hatten, haben und werden immer Hoffnung haben.“

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