Iran-Experte von Stosch hält Bürgerkrieg für möglich

Revolution oder Diktatur? Die politische Zukunft des Iran ist derzeit völlig ungewiss. Der Iran-Experte Klaus von Stosch sieht keinen Grund für viel Optimismus.

Der Iran-Kenner und Theologe Klaus von Stosch hält einen raschen Sturz der Mullah-Herrschaft in dem islamischen Land für ausgeschlossen. Falls es überhaupt zu einem Machtwechsel komme, sei nach der Tötung von Revolutionsführer Ali Chamenei eine Diktatur unter Führung der Revolutionsgarden oder sogar ein Bürgerkrieg wahrscheinlich, sagte von Stosch am Dienstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Von Stosch weiter: "Ich rechne zunächst mit einer weiteren Brutalisierung des Regimes. Mittelfristig könnten die Revolutionsgarden den Einfluss des schiitischen Klerus zurückdrängen. Für den Moment hat die Geistlichkeit aber durch den 'Märtyrertod' Chameneis an Prestige gewonnen", so der Professor für katholische Systematische Theologie an der Universität Bonn. Staatschef Chamenei war am Wochenende im Zuge der Luftangriffe der USA und Israels auf den Iran gezielt getötet worden. Anschließend kam es zu Jubelszenen unter der Bevölkerung.

Von Stosch schätzt sowohl den Einfluss der islamischen Religion als auch den Rückhalt für das Regime im Iran als nur noch gering ein. "Das Regime stützt sich noch auf vielleicht 20 Prozent der Bevölkerung, die von ihm profitieren, gewaltbereit sind und von denen viele nichts zu verlieren haben." Weitere 20 Prozent wünschten sich Reformen in dem "Gottesstaat" oder eine islamisch geprägte Demokratie.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung habe sich jedoch vom Islam als prägender Kraft der Politik entfremdet. Von Stosch: "Ich habe mit ganz vielen Leuten gesprochen, die nicht mehr auf den Islam vertrauen und auf Glaubenssuche sind. Ich kenne kein anderes islamisch geprägtes Land mit einer so säkular eingestellten Gesellschaft."

Luftangriffe allein können das herrschende System nach Ansicht von Stoschs nicht beseitigen. Diese könnten in der breiten Bevölkerung eher nationalistische Solidarisierungseffekte mit der Führung auslösen, je länger der Krieg dauert. Unter den herrschenden Verhältnissen sei nicht damit zu rechnen, dass die Massen jetzt wie von den USA womöglich erwartet gegen das Regime auf die Straße gingen.

Im Dezember und Januar hatte es bereits aufstandsähnliche Unruhen im Iran gegeben. Dabei sollen Tausende, womöglich Zehntausende Menschen durch das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte getötet worden sein.

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