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Inklusiver Schulsanitätsdienst: “Erste Hilfe braucht kein Gehör”

Zuerst die sterilen Handschuhe überstreifen. Dann greift Lyra zielsicher zu der Wundauflage und legt sie auf das rechte Handgelenk von Ameliia, befestigt sie mit zwei, drei kreisförmigen Bindengängen. Anschließend ein Druckpolster auf den – angenommenen – Wundbereich legen, schließlich mit weiteren Bindengängen festziehen und mit einem Knoten fixieren: Fertig ist der Druckverband. Anleiter Lukasz Laska vom Malteser-Hilfsdienst ist zufrieden, die elfjährige Schülerin auch. Das Besondere daran: Es war eine fast lautlose Übung.

Lyra und ihre 12-jährige Mitschülerin Ameliia besuchen die Bremer Schule für hörbeeinträchtigte und gehörlose Kinder und Jugendliche, an der die Malteser einen inklusiven Schulsanitätsdienst aufgebaut haben. Die Schülerinnen haben sich freiwillig für den insgesamt elfköpfigen Kreis gemeldet und wissen nun nach einem vertieften Erste-Hilfe-Kurs, was in Notfällen zu tun ist. Für die einwöchige Ausbildung wurden Materialien angepasst, Gebärdensprache einbezogen und Inhalte auf einer digitalen Tafel konsequent visuell aufbereitet. Dazu kamen praktische Übungen und Rollenspiele, um noch mehr Sicherheit für den Ernstfall zu geben.

Nun ist das Projekt unter dem Titel „Erste Hilfe kennt keine Barrieren“ in einer von fünf Kategorien für den Förderpreis „Helfende Hand“ des Bundesinnenministeriums nominiert. Ziel des Wettbewerbes mit diesmal bundesweit rund 400 Bewerbungen ist es, ehrenamtliches Engagement im Bevölkerungsschutz zu würdigen, am kommenden Montag sollen die besten Ideen in Berlin ausgezeichnet werden. Für Jan Wegener, Leiter des Arbeitsbereiches Jugend und Schule bei den Bremer Maltesern, haben die Kinder und Jugendlichen schon jetzt gewonnen, mindestens an Selbstvertrauen. Er sagt: „Erste Hilfe braucht kein Gehör.“

Zentral ist der grundlegende Dreierschritt im Notfall, den die Ausbilder auf das Whiteboard geschrieben haben: Ansehen, ansprechen – auch mit Gesten -, anfassen. Zu den Lerninhalten gehört neben der Praxis in Hygiene, der Versorgung von Wunden und Wiederbelebung aber auch, überhaupt auf einen Notfall aufmerksam zu machen, um weitere Hilfe zu holen. Aber wie geht das ohne Sprache? „Sich groß machen, winken“, sagt Lyra. Und weil sie auch sprechen kann, gilt für sie: „Laut schreien.“

Die Schülerinnen und Schüler haben sich außerdem eingehend mit der kostenlosen Notfall-App „nora“ beschäftigt, die es insbesondere Menschen mit Sprach- oder Hörbehinderung ermöglicht, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst zu alarmieren. „Sie übermittelt automatisch den Standort des Nutzers und bietet die Möglichkeit, einen stillen Notruf abzusetzen, ohne sprechen zu müssen“, erläutert Jan Wegener.

Aber auch die Ausbilder haben dazugelernt, verdeutlicht Klassenlehrerin Yvonne Opitz. „Zum Beispiel, dass sie die Gruppe im Unterricht konsequent anschauen und beim Sprechen nicht den Kopf wegdrehen.“ Schulleiterin Sabine Kolbe betont, der inklusive Schulsanitätsdienst habe nicht nur eine vertiefte Erste Hilfe vermittelt. Er befähige die Schülerinnen und Schüler, Eigenverantwortung für ihr Lernen und Leben zu übernehmen, um ihre Identität zu stärken. „Das bestärkt sie in dem Wissen: Ich bin nicht hilflos.“

Lyra sieht es genauso. „Ich habe jetzt den Mut, den ersten Schritt zu tun, einfach hinzugehen und zu helfen, beispielsweise einen Verband anzulegen.“ Und Kyrylo gebärdet, er habe gelernt, dass man nichts falsch machen könne. „Hauptsache, man hilft“, ergänzt der 16-Jährige. „Das ist auf jeden Fall besser, als gar nichts zu machen.“ Malteser-Ausbilder Jan Wegener jedenfalls ist von den Kindern und Jugendlichen begeistert: „Sie wachsen sichtbar über sich hinaus und erleben, dass sie einen wichtigen Beitrag für die Gemeinschaft leisten können.“