“In zehn Jahren werden wir eine andere Kirche sein”

Finanzchef über die Herausforderungen der bayerischen Landeskirche

Dramatische Zahlen und wegweisende Entscheidungen: Mit eindringlichen Worten ruft der landeskirchliche Finanzchef, Oberkirchenrat Patrick de La Lanne, vor der Herbsttagung der Landessynode zum Sparen auf. Die nächsten zehn Jahren seien entscheidend für die bayerische evangelische Landeskirche. Die Mitglieder werden weniger, genauso wie die finanziellen Ressourcen und das hauptamtliche Personal. „Das bedeutet, dass die Kirche in zehn Jahren eine andere sein wird als heute“, sagt de La Lanne. Was jetzt zu tun ist, und welche Entscheidungen im Frühjahr 2026 anstehen, erzählt er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Herr de La Lanne, Sie haben vor der Synode im vergangenen Jahr mit eindringlichen Worten zum Sparen aufgerufen. Das werden Sie wohl auch dieses Jahr tun, oder?

Patrick de La Lanne: Ja. Die nächsten zehn Jahre werden entscheidend sein. Die Zahl der Mitglieder der bayerischen Landeskirchen und die finanziellen Ressourcen gehen in den kommenden Jahren deutlich zurück. Bis zum Jahr 2035 rechnen wir mit 1,6 Millionen Mitgliedern. Zum Vergleich: Heute haben wir noch zwei Millionen Mitglieder, und 2003 waren es noch 2,7 Millionen. Dazu kommen 40 Prozent weniger hauptamtliches Personal, 50 Prozent weniger Immobilien. Das bedeutet, dass die Kirche in zehn Jahren eine andere sein wird als heute. Auch wenn wir uns das jetzt noch nicht vorstellen können.

epd: Die Haupteinnahmequelle der Landeskirche ist die Kirchensteuer. Wie entwickeln sich die Einnahmen in den kommenden Jahren?

de La Lanne: Dieses und kommendes Jahr rechnen wir mit Kirchensteuereinnahmen von je rund 770 Millionen Euro. 2022 lagen diese noch bei 802 Millionen. Die gute Konjunktur hat die sinkenden Mitgliedszahlen bislang noch teilweise aufgefangen, jetzt aber schwächelt die Wirtschaft. Bis 2035, so unsere Prognose, werden die Kirchensteuereinnahmen weiter auf 700 Millionen Euro sinken. Die Kaufkraft der Kirchensteuereinnahmen wird dann angesichts der Tarif- und Preissteigerungen um mehr als 30 Prozent unter der heutigen Kaufkraft liegen. Und das ist dramatisch, denn die Kirchensteuereinnahmen machen 80 Prozent unserer Gesamteinnahmen aus.

epd: Gibt es keine Alternativen?

de La Lanne: Neben der finanziellen Neuausrichtung muss sich die Kirche weiterhin dem Fundraising widmen. In Deutschland werden pro Jahr insgesamt sechs Milliarden Euro gespendet, meist für soziale Zwecke. Für das Jahr 2026 werden 3,2 Millionen Euro als Einnahmen aus Spenden an die Landeskirche erwartet. Da ist noch Luft nach oben. Und wir müssen versuchen, weiterhin Fördermittel von Europa, dem Bund oder dem Freistaat zu erhalten. Haupteinnahmequelle wird aber weiterhin die Kirchensteuer sein.

epd: Nochmal zurück zum Sparkurs: Sie haben bei der Herbsttagung 2024 gesagt, dass ganze Aufgaben wegen der finanziellen Herausforderungen wegfallen müssen. Wissen Sie schon, wo genau gekürzt wird?

de La Lanne: Wir sind damit beschäftigt, zu erarbeiten, auf welche Schwerpunkte wir uns künftig konzentrieren und welche Aufgaben gekürzt oder gar nicht mehr wahrgenommen werden sollen. Die Diskussionsimpulse sollen im Frühjahr fertig sein und dann an die Synode übergeben werden. Wir wollen das zusammen mit der Synode angehen.

epd: Die neue Synode wird Anfang Dezember gewählt, sie konstituiert sich erst Ende März, mehr als 80 Prozent der Kandidierenden sind neu. Wie günstig ist dieser Zeitpunkt für solche weitreichenden Maßnahmen, wenn die neue Synode sich erst finden muss?

de La Lanne: Es ist notwendig, möglichst bald zu Ergebnissen zu kommen. Die Entscheidungen, die wir treffen, werden wegweisend für die kommenden Jahre sein.

epd: Die bayerische Landeskirche steht ja nicht als einzige vor finanziellen Herausforderungen. Wie handhaben das andere Landeskirchen?

de La Lanne: Auch andere Landeskirchen müssen sparen. Das Württemberger Modell sieht zum Beispiel vor, dass überall 30 Prozent gespart wird. Solche pauschalen Kürzungen wollen wir aber bewusst nicht, sondern gezielt Schwerpunkte setzen und gezielt kürzen. Wir müssen uns daher die Haushaltsstellen anschauen. Dieser Weg ist komplizierter, aber langfristig der bessere. Woanders ist auch das Kirchenbeamtentum im Blick. Die Pensionsrückstellungen dafür sind auch bei uns groß: Die Bilanzsumme der bayerischen Landeskirche betrug beim Abschluss 2024 rund 6,5 Milliarden Euro. Davon waren 90 Prozent Pensionsrückstellungen.

epd: Wollen Sie andeuten, dass das Kirchenbeamtentum in Bayern nicht mehr gesetzt ist?

de La Lanne: Ich möchte nur verdeutlichen, welche Wege andere Landeskirchen gehen.

epd: Welche Folgen hat es für die Gesellschaft, wenn die Kirche in zehn Jahren nur noch halb so groß ist?

de La Lanne: Unserer Gesellschaft würden gerade im sozialen und spirituellen Bereich Hilfsangebote fehlen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, welche wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Bedeutung die Kirchen haben. Ohne sie gäbe es weniger Kindergärten, Pflegeheime oder sonstige Sozialeinrichtungen. Ohne sie würde eine wichtige gesellschaftliche und soziale Stütze wegfallen - und übrigens auch Arbeitsplätze. Bedauerlich ist auch der Rückgang der Bundestagsabgeordneten, die Mitglied einer Kirche sind.

epd: Warum? Sind Sie besorgt wegen Religionsunterricht, Staatskirchenleistungen oder der Kirchensteuer, die vom Staat eingezogen wird?

de La Lanne: Um die 48 Prozent der Mitglieder des Bundestages gehören einer Kirche an. Meine große Sorge ist, dass irgendwann zwei Drittel keiner Kirche mehr angehören. Das wäre eine verfassungsändernde Mehrheit. Das könnte gravierende Auswirkungen haben.

epd: Die Kirchen in anderen Ländern finanzieren sich zum Beispiel über Spenden. Wäre das eine Lösung?

de La Lanne: Das wäre dann ein Modell wie in den USA. Dort verfügen die Kirchen aber bei Weitem nicht über die Infrastruktur an Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten und Pflegeheimen, wie sie von den Kirchen in Deutschland unterhalten wird. Die Kirchen in Deutschland sind als sozialer Akteur daher etwas Besonderes. Und genau deshalb müssen wir doch jetzt daran arbeiten, dass es unsere Kirche auch in Zukunft gibt. (3576/16.11.2025)

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