In existenzieller Not nicht vorschnell von Gott reden

Notfallseelsorger: Es ist nicht meine Aufgabe zu missionieren

Sie treffen auf schockierte und tief trauernde Menschen: Notfallseelsorger begleiten Personen in ihren schwächsten Momenten, etwa wenn sie einen Angehörigen durch ein Unglück verloren haben. Wann redet man da von Gott?

Manchmal sind es Zugunglücke oder Busunfälle, die viele Menschen betreffen. Manchmal zerreißt ein tödlicher Verkehrsunfall das Leben einer einzigen Familie. "Gott, warum hast Du das zugelassen? Gott, wo warst Du?" Diese Frage hören Notfallseelsorger zwar, wenn sie geschockte und trauernde Angehörige betreuen.

"Aber es ist nicht die erste Frage, wenn ich in ein Haus komme oder an den Straßenrand", sagt Hans-Jürgen Hirschle (68), Mitglied im Leitungsteam der ökumenischen Notfallseelsorge im schwäbischen Landkreis Biberach.

Notfallseelsorger seien auch schlecht beraten, würden sie direkt nach einem katastrophalen Ereignis vorschnell von Gott reden: "Denn ich treffe Menschen in existenzieller Not", sagt Hirschle im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Stuttgart. Die Konfrontation mit einem eigentlich unvorstellbaren Schreckensereignis äußere sich in großer Bandbreite: "Von Ablehnung, Nicht-Wahrhaben-Wollen bis hin zu Kreischen, Weinen, Zusammenbrechen."

Da sei es erst einmal nötig, die rein körperlichen Auswirkungen eines Schicksalsschlages abzumildern, betont Hirschle. Menschen ein Glas Wasser zu reichen, gegen den trockenen Mund. Oder zu sagen: Setzen Sie sich bitte hin.

Erst im Laufe des Gesprächs, "das kann schon nach zehn Minuten sein oder auch erst nach zwei oder drei Stunden", komme dann etwa bei Angehörigen von Unfallopfern manchmal die Frage nach Gott. Oft zunächst anklagend: "Wieso lässt Gott das zu?" Zu hören seien Sätze wie: "Ich gehe doch viel in die Kirche, und ich bete oft. Was habe ich getan, dass der Herrgott mich so bestraft?"

Hirschle ist katholischer Diakon. Er sagt: "Die ganze Arbeit der Seelsorge ist es dann, ganz behutsam dieses Gefühl wegzunehmen: Nein, das ist keine Strafe Gottes. Das sind irdische Dinge, Unglücke passieren!" Und man dürfe auch mit Gott hadern - "das ist legitim in unserem Glauben!".

Wer sich in ein Auto setzt, bewegt sich potenziell in einem Gefährt, das andere Menschen töten kann. Im Jahr 2024 sind in Deutschland 2.780 Menschen bei Unfällen im Straßenverkehr ums Leben gekommen, so das Statistische Bundesamt. Das sind 2.780 fürchterliche Schicksale, allein in Deutschland, allein letztes Jahr.

Beim Überbringen der Todesnachricht - wobei immer auch die Polizei dabei ist - wann spricht ein Notfallseelsorger da zu den Hinterbliebenen von Gott? Auf jeden Fall nicht gleich zu Beginn: "Wenn ich sagen würde: 'Der Verunglückte ist doch jetzt im Himmel.' Dann würden mir 90 Prozent der Menschen an die Gurgel springen", sagt Hirschle. "Das will man nicht hören in dem Moment." Das sei billig, aufgesetzt und ein Zeichen dafür, dass ein unsicherer Seelsorger sich damit selbst trösten wolle, betont Hirschle, der 26 Jahre als Klinikseelsorger gearbeitet hat und auch beim schweren Zugunglück im Juli in Riedlingen im Einsatz war.

"Erst wenn das Gegenüber es zulässt, dann spreche ich von Gott", betont der Notfallseelsorger. Das aber sei nicht die erste Priorität: "Es ist nicht in erster Linie die Aufgabe der Notfallseelsorge zu missionieren", unterstreicht Hirschle. "Das ist nicht mein Job." Notfallseelsorger müssten aber "die Bereitschaft haben, das christliche Menschenbild zu vertreten", sagt der Diakon. Wenn jemand ihn bitte: "Können wir noch beten." Oder wenn es nötig sei, den Sterbesegen zu spenden.

Ob jemand katholisch, evangelisch oder atheistisch sei, spiele im Einsatz "absolut keine Rolle", betont Hirschle. "Ich gehe nie in ein Gespräch rein mit der Frage: Bist Du noch in der Kirche? Glaubst Du an Gott"? Er sei schließlich als Notfallseelsorger nicht zu Christen oder zu Katholiken gesandt. "Sondern zu Menschen!"

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