Mehr Kinder brauchen Pflegeeltern – doch es gibt immer weniger

Pflegeeltern übernehmen Verantwortung, wo Familien scheitern. Doch steigende Lebenshaltungskosten und fehlendes Elterngeld schrecken viele ab. Fachleute fordern Unterstützung.
Mehr Kinder brauchen Pflegeeltern – doch es gibt immer weniger
Die Entscheidung, ein Pflegekind aufzunehmen, ist ein Schritt mit Herz – und Herausforderung zugleich
epd-bild / Mathias Ernert

Pflegefamilien werden hierzulande nach Einschätzung einer Expertin immer dringender benötigt. "Der Bedarf ist groß: Immer mehr Kinder brauchen Pflegeeltern - und immer weniger Menschen sind bereit dazu", sagte Angelika Nitzsche, Sozialpädagogin bei der Landesberatungsstelle Pflegekinderhilfe, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin.

Pflegeeltern dringend gesucht für gefährdete Kinder

Eine steigende Zahl von Kindern müsse aus den Ursprungsfamilien wegen Kindeswohlgefährdung herausgenommen werden. Gründe sind demnach Alkohol, Drogen, psychische Erkrankungen und "sehr oft auch körperliche und emotionale Vernachlässigung", sagt Nitzsche. Dass immer weniger Menschen bereit sind, Pflegeeltern zu werden, habe unterschiedliche Gründe: "Viele Menschen wissen zum Beispiel gar nicht, dass es diese Möglichkeit als Alternative zur Adoption gibt." In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt rund 87.000 Kinder in Pflegefamilien, rund 128.000 sind in Heimen untergebracht.

Wichtig sei, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verändern, betont die Expertin, die seit 23 Jahren als Fachkraft in der Berliner Pflegekinderhilfe arbeitet. Wohnraum werde immer teurer, genau wie die täglichen Lebenshaltungskosten. Zudem bekämen Pflegeeltern in der Elternzeit kein Elterngeld; das mache es mitunter schwierig, sich für ein Pflegekind zu entscheiden, da es gerade in der Anfangszeit wichtig und auch verpflichtend sei, Zeit zu haben, um eine Bindung aufbauen zu können.

Gesellschaftliches Engagement für Pflegeeltern nimmt ab

"In Berlin etwa gibt es aktuell für Pflegeeltern den Startbonus, das ist eine gute Möglichkeit, um die Elternzeit finanziell abzufedern." Sinnvoll wäre aber eine bundesweit einheitliche Regelung, fordert Nitzsche. Grundsätzlich sei zu beobachten, dass die Bereitschaft für gesellschaftliches Engagement in der Bevölkerung nachlasse.

Neben rechtlichen Voraussetzungen - etwa, dass man mindestens 25 Jahre alt sein muss - gebe es auch eine Reihe von persönlichen Bedingungen für ein gelingendes Zusammenleben. "Dazu gehört etwas die Wertschätzung und Achtung gegenüber den Eltern des Kindes", sagt die Expertin. "Den potenziellen Eltern muss klar sein, dass sie ein Kind bei sich aufnehmen, das bereits eine Geschichte und Familie mit sich bringt."

Warum viele Pflegeeltern sich ein kleines Kind wünschen

Die meisten Pflegeeltern wünschten sich ein möglichst kleines Kind, in der Hoffnung, dass dieses Kind noch nicht so belastet sei. Ein Baby aufzunehmen sei allerdings keine Garantie dafür, erklärt Nitzsche. Auch in der Schwangerschaft könne es bereits Situationen geben, die diese Kinder nachhaltig prägten. Wichtig sei, sich vorab klarzumachen, dass es sich bei dem potenziellen Pflegekind um eine "Überraschungstüte" handele.

 

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