Eigentlich war’s eine Schnapsidee – oder besser gesagt eine Limonadenidee. Und ganz eigentlich ging’s von Anfang an nur um den Spaß am Singen. Doch aus dem Wohnzimmer-Projekt wurde ein inzwischen preisgekrönter inklusiver Kinderchor mit ellenlanger Warteliste. „Dass das so schnell eine so große Nummer wird, hätte ich nie gedacht“, sagt Madlen Schuh, Mastermind hinter dem „Zellerauer Limonadenchor“ in Würzburg, fast entschuldigend. Jede Woche probt das Ensemble und trinkt zum Abschluss Limonade – was sonst.
Es ist Donnerstag kurz vor 17 Uhr. Im Musiksaal der Christophorus-Schule wuselt und plappert und klappert es: Kinder mit und ohne Behinderung unterhalten sich, manche rennen herum, andere kichern, einige spielen auf Instrumenten vor sich hin. „Kugelfisch“, ruft Madlen Schuh laut in die Runde und prustet ihre Backen dick auf. Sofort ist es in der großen Runde mucksmäuschenstill, alle haben aufgepumpte Backen – das Zeichen, dass es jetzt losgeht. Und schon greift Schuh zur Gitarre und legt los, natürlich mit dem Limonaden-Song.
Es folgt spielerisches Einsingen, viel Blödelei mit lautem Lachen dazwischen. Man merkt sofort, dass hier der Spaß im Vordergrund steht, nicht musikalische Höchstleistung. Der Chor singt bekannte Melodien mit eigenen Texten, Kinder- und Bewegungslieder, aber auch aktuelle Pop-Songs. „Das beschließen die Kids“, sagt Madlen Schuh – wie überhaupt alles von den jungen Sängerinnen und Sängern entschieden wird: Wo sie auftreten, was sie dabei anziehen, und so weiter. Diesmal wird ein neues Stück ausprobiert: „Ich bin ich“ von Dikka und Lea.
Entstanden ist das Projekt zufällig. Ihre Tochter Ida, heute zwölf Jahre alt, hatte im Sommer 2023 regelmäßig Grundschulfreundinnen zu Besuch, gemeinsam wurde im Wohnzimmer gesungen. Mama Madlen packte dazu die Gitarre aus, Sohn Mattis sang auch mit, von Woche zu Woche wurden es mehr Kinder. „Innerhalb von zwei Monaten waren es um die 20 Kinder – das ging in unserer Drei-Zimmer-Wohnung auf Dauer nicht“, erinnert sich Schuh. Also wich sie mit den Kids in den Musiksaal der Schule aus, in der sie als Heilpädagogin arbeitet.
Dort fand sie viele Mitstreiterinnen, unter anderem ihre Kollegin Saro Gerson und deren Tochter Nona. Aktuell hat der Chor mehr als 40 Mitglieder von fünf bis 14 Jahren, ein gutes Dutzend hat besonderen Förderbedarf, also etwa eine geistige Behinderung wie Madlen Schuhs Sohn. Die Kinder, die sich größtenteils erst im Chor kennengelernt haben, gehen selbstverständlich miteinander um. Dass jemand im Rollstuhl sitzt – egal. Dass jemand ein bisschen anders aussieht oder spricht – spielt keine Rolle. Der Chor ist gelebte Inklusion.
Dafür hat der „Zellerauer Limonadenchor“ vor Kurzem den Inklusionspreis des Bezirks Unterfranken erhalten: 2.500 Euro. „Das ist so toll“, sagt Madlen Schuh und strahlt übers ganze Gesicht. Denn der Chor ist weder ein Verein, noch erhält er große Spenden – er lebt vom Engagement der Initiatorinnen und der Unterstützung der Eltern. Wer das erwachsene „Limo-Team“ beobachtet, wie unprätentiös, wie zugewandt und mit wie viel Witz und Freude sie das Projekt betreiben, merkt schnell, warum die Auszeichnung mehr als berechtigt ist.
Nach einer guten Dreiviertelstunde ist Saro Gerson dran – auch sie will ein neues Lied ausprobieren. Sie fängt an vorzusingen und gerät ins Stocken. „Oh Mann, jetzt hab’ ich den Text vergessen“, sagt sie. Großes Gelächter in der Runde, während sie nach den Noten kramt. Auch das ist der Limonadenchor, ein bisschen chaotisch.
Die Probe an diesem Donnerstag neigt sich dem Ende zu, draußen ist es schon dunkel. „Es ist so schön, dass wir dieses Jahr wieder beim ‘Umsonst & Draussen“ auftreten dürfen„, sagt Schuh. Das kostenlose Würzburger Festival hat in der Region Kultstatus. 2024 sind die “Limos„ dort zum ersten Mal aufgetreten, gemeinsam mit dem Würzburger Kneipenchor, dem der Kinderchor indirekt auch seinen Namen verdankt: “Wir haben ein ganz ähnliches Konzept: Wir singen zum Spaß. Aber natürlich trinken wir kein Bier, sondern Limo!” (0160/20.01.2026)