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Holocaust-Gedenken: Erinnerung braucht Orte und Menschen

In Brandenburg machen Schüler vergessene jüdische Geschichte sichtbar – und stoßen dabei auf eine Gegenwart, in der Antisemitismus längst nicht überwunden ist. Pfarrer Veit Böhnke kommentiert.

Teilnehmende einer Kerzenmahnwache erinnern symbolisch an die Opfer des Holocaust (Archiv)
Teilnehmende einer Kerzenmahnwache erinnern symbolisch an die Opfer des Holocaust (Archiv)Imago/ Martin Müller

Wo stand die jüdische Synagoge von Templin? Was ist aus den jüdischen Familien der Stadt geworden? Und wie lebte die eine Jüdin, die nach 1945 zurückkehrte? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler eines Templiner Gymnasiums im Religionsunterricht. Gemeinsam mit dem Religionspädagogen Holger Losch und Joachim Jacobs von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin machten sie sich auf die Suche nach Spuren jüdischen Lebens vor Ort.

Aus Unterricht wurde Erinnerungsarbeit: Der jüdische Friedhof wurde wieder hergerichtet, das Totengebet gesprochen, vergessene Biografien sichtbar gemacht. Was zunächst ein Projekt des Religionsunterrichts war, wurde später von Privatpersonen und Institutionen unterstützt. Es hat nicht die ganze Stadt verändert – aber diejenigen, die beteiligt waren, werden sich erinnern. „Die ehemalige Mikwe als Gedenkort, das wäre ein nächster Schritt“, sagt Holger Losch. Erinnerung braucht Orte.

Kein Ritual der Vergangenheit

Dass Erinnerung umkämpft ist, zeigt sich ebenfalls in Templin. Die Gedenktafel für die ehemalige Synagoge an der Stadtmauer wurde mehrfach erneuert, weil sie zerstört oder beschädigt wurde; auch wieder unmittelbar bevor ich diese Gedanken schreibe. Alles vermutlich nicht zum letzten Mal. „Antisemitismus ist kein historisches Problem“, sagt Andreas Büttner, Antisemitismusbeauftragter des Landes Brandenburg. „Er begegnet uns heute offen, codiert, aggressiv – auch in der Mitte der Gesellschaft.“

Am 4. Januar dieses Jahres wurde auf Büttners Privatgrundstück ein Anschlag verübt. Wenn dieser Artikel erscheint, liegt das nur wenige Wochen zurück – und ist für viele doch schon wieder vergessen. Büttner erinnert: „Der Holocaust-Gedenktag ist kein Ritual für die Vergangenheit, sondern ein Prüfstein für die Gegenwart. Die Frage ist nicht, ob wir erinnern, sondern was wir aus dem Erinnern machen.“

Vor dem Vergessen bewahren

Das sei doch alles schon lange her, meinte einmal ein Berliner Berufsschüler, den die Themen Judenverfolgung und Shoa „nervten“. Er habe die Vermittlung als moralische Keule erlebt – ohne je einer Jüdin oder einem Juden begegnet zu sein, ohne ein Gespräch, ohne Streit. Was bedeutet „lange her“, wenn antisemitische Angriffe Gegenwart sind? Vergessen zu können, ist eine menschliche Fähigkeit. Sie entlastet. Auch im eigenen Leben sagen wir manchmal: Das war eben so. Punkt. Doch Erinnern meint mehr als Festhalten an Vergangenem. Es fragt danach, was wir aus Erlebnissen lernen, welche Erfahrungen wir für unser Zusammenleben heute nutzen können.

Anfang Februar wird eine Freundin nach Israel reisen. Im Rahmen einer Studienreise von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. will sie Land und Menschen erleben. Sie war schon oft dort, doch diesmal fährt sie vor allen Dingen mit der Frage: Wie lebt es sich in Israel nach dem 7. Oktober 2023?

Zum Holocaust-Gedenktag wird sie noch in Deutschland sein. Während in Israel am Yom HaShoah die Sirenen gehen und das Leben für einen Moment stillsteht, bleibt der 27. Januar hierzulande oft ein Datum mit Worten, Kränzen und Artikeln – aber ohne kollektives Innehalten. Der 27. Januar ist der Tag der Befreiung des ehemaligen KZ Auschwitz. Für Jüdinnen und Juden steht dieses Datum auch für ein Ende des Mordens und damit für die Eröffnung neuen Lebens.

Erinnern beginnt im Konkreten

Wir können erzählen, zuhören, anfragen. Wir können am 27. Januar eine Viertelstunde darüber sprechen, wie uns Antisemitismus heute begegnet. Wir können über Israels Regierungspolitik streiten und zugleich wahrnehmen, dass auch in Israel protestiert und um den richtigen Weg gerungen wird und dort auch Menschen leben, die den Wunsch nach Frieden haben: wie wir in Templin auch.

Wir können die Älteren fragen, wie sie Angriffe auf Jüdinnen und Juden erlebt haben, Nachrichten bewusst gemeinsam verfolgen oder über einen Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. nachdenken – auch jenseits der Jugendjahre. Sich zusammen 15 Minuten lang für jüdisches Leben interessieren und so Verantwortung übernehmen und sich für Würde und Sicherheit jüdischen Lebens einsetzen. Erinnerung beginnt im Konkreten. In einer Schulklasse. Auf einem Friedhof. An einer beschädigten Tafel. Und sie stellt uns neu die Frage: Wie wollen wir erinnern – und was bedeutet das für unser Leben heute?

Veit Böhnke ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Templin im Kirchenkreis Oberes Havelland.