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Historikerin Spohr sieht Trumps Griff nach Grönland mit Befremden

Seit einiger Zeit steht Grönland im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. In den kommenden Tagen wollen die USA über die Zukunft der arktischen Insel verhandeln. Was hat das alles zu bedeuten?

Bis vor kurzem lag Grönland für die meisten Menschen weit weg. Sehr weit. Doch seit US-Präsident Donald Trump seine Blicke auf die zu Dänemark gehörende Insel richtet, hat sich das geändert. Zum wiederholten Mal hat er angekündigt, Grönland den USA einverleiben zu wollen. In den kommenden Tagen will sein Außenminister Marco Rubio mit Vertretern Dänemarks und Grönlands darüber sprechen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert Kristina Spohr, was Trump antreibt. Und zeigt auf, dass ein Kauf Grönlands durch die USA schon dreimal auf der Agenda stand. Die in London lehrende Historikerin und Politologin mit finnischen und deutschen Wurzeln ist eine der besten Kennerinnen der arktischen Geschichte.

Frage: Frau Spohr, welche geopolitische Bedeutung hat die Arktisregion und speziell Grönland?

Antwort: Seit dem Zweiten Weltkrieg ist Grönland für das Militär von Interesse. Für US-Präsident Franklin D. Roosevelt war damals klar: Wir brauchen Grönland, um die westliche Hemisphäre und Nordamerika gegen die Deutschen abzusichern. Hier ließen sich Wetterstationen und Landeplätze für Flugzeuge bauen. Im Kalten Krieg kamen weitere Luftwaffenstützpunkte und Radaranlagen hinzu, und es ging- damals wie heute – darum, die russische Nordmeerflotte zu überwachen und ihre Raketen abzuwehren.

Frage: Gibt es weitere Faktoren abseits militärischer Interessen?

Antwort: Hier kommt der Klimawandel ins Spiel. Je mehr Eis schmilzt, desto zugänglicher wird das Polarmeer für die internationale Schifffahrt. Darauf setzt auch China mit seinem Zukunftsprojekt der transpolaren Seidenstraße. Die derzeit leichter zu befahrene Nordostpassage liegt vor der Küste Sibiriens, die schwerer zugängliche Nordwestpassage vor Kanada. Trotz Eisschmelze bleiben beide Seewege riskant und sind bisher wirtschaftlich unrentabel.

Frage: Noch nicht gesprochen haben wir über die Rohstoffe, die in Grönland lagern.

Antwort: Das ist der Punkt, um den es Donald Trump in Wirklichkeit geht. Bekannt sind unter anderem Vorkommen an Öl, Gas, Seltenen Erden, Uran, Zink, Kupfer und Gold. Dennoch darf man sich nicht täuschen: Das Eis, Permafrost und und die fehlende Infrastruktur machen es äußert schwierig, diese Rohstoffe zu fördern. Aber allein, dass es sie gibt, macht Grönland für Trump interessant. In Venezuela geht es ihm ja auch um den Zugriff auf das Öl, nicht um einen demokratischen Wandel.

Frage: Folgt man Stimmen aus dem Umfeld Trumps, liegen alle Optionen auf dem Tisch, um Grönland unter die Kontrolle der USA zu bringen – auch militärische.

Antwort: Gehen wir zunächst einmal von diplomatischen Gesprächen zwischen den USA, Grönland und Dänemark aus, die ja in den kommenden Tagen stattfinden sollen. Hier reden also Nato-Bündnispartner miteinander. Zudem gibt es seit 1951 ein Abkommen zwischen Dänemark und den USA, dass es den Amerikanern erlaubt, Militärbasen in Grönland zu errichten. Wenn es ihm wirklich darum ginge, Grönland zu verteidigen, könnte Trump investieren und die 17 US-Basen aus der Zeit des Kalten Kriegs wieder beleben. Die Grönländer und Dänen würden noch nicht einmal Nein sagen.

Frage: Warum dann diese Drohkulisse?

Antwort: Trump möchte Macht demonstrieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass in diesem Jahr Wahlen in den USA abgehalten werden, die Midterms. Trump will sich als Macher präsentieren und muss zusehen, dass er seine Republikaner bei der Stange hält.

Frage: Nach dem Militärschlag gegen Venezuela fragt man sich allerdings, ob er ernsthaft ein ähnliches Vorgehen gegen Grönland erwägt.

Antwort: Dann wäre die Nato tot, weil ein Bündnispartner einen anderen angreift.

Frage: Eine weitere Variante: der Kauf Grönlands. Medien berichten, dass es Überlegungen gebe, jedem der rund 57.000 Grönländer bis zu 100.000 US-Dollar zu zahlen.

Antwort: Das ist völlig respektlos und eine massive Provokation, die allen diplomatischen Gepflogenheiten widerspricht . Aber Trump liebt Deals und ist eigentumsbesessen…

Frage: Pläne, Grönland zu kaufen, hat es auch früher schon gegeben.

Antwort: Sogar dreimal. Zum ersten Mal in Zusammenhang mit dem Kauf von Alaska 1867. Damals ging es um Grönland und Island. 1917 erwarben die USA die Dänischen Jungferninseln in der Karibik und erkannten die Souveränität Dänemarks über Grönland an. 1946 gab es den Vorstoß von US-Präsident Harry Truman. Wobei seinerzeit auch im Gespräch war, den Dänen im Ausgleich Point Barrow im nördlichen Alaska anzubieten. Das wäre allerdings im Nachhinein betrachtet ein schlechtes Geschäft gewesen, weil dort wichtige Ölreserven liegen, von denen seither die USA profitieren.

Frage: Erleben wir gerade eine Neuauflage des Kolonialismus?

Antwort: Es geht vor allem um eines: Stärke und Machtausübung – und Trumps Ego. Amerika ließ immer wieder mal militärisch die Muskeln spielen: Vietnam, Grenada, Panama, Irak, Afghanistan, und jetzt Venezuela. Das kostete alles unglaublich viel Geld und Leben. Was blieb, war meist Instabilität – “unfinished business” – und die Amerikaner zogen sich erfolglos zurück.

Frage: Zuletzt beschlagnahmten die US-Küstenwache und die Marine einen unter russischer Flagge fahrenden leeren Öltanker im Nordatlantik – gehört das mit zu diesem Spiel, militärische Stärke zu demonstrieren?

Antwort: Sicher, aber Trump machte es mit Englands Hilfe. Und wenn er wirklich Angst vor russischen und chinesischen Schiffen in Grönlands Gewässern hat, sollte er gemeinsam mit den Nato-Partnern dagegen vorgehen. Außerdem sollte er Klimaschutz betreiben. Vielleicht könnten so Erderwärmung und Eisschmelze noch verlangsamt werden, was auch den Schiffsverkehr in der Arktis vermindern würde.

Frage: Was würden Sie einem wie dem US-Präsidenten raten?

Antwort: Russland und China im Zaum halten, den freien Welthandel fördern, den Klimawandel bekämpfen: Bei all diesen Herausforderungen ist Zusammenarbeit schlicht besser als reiner Machtpoker.