Die eigenen Eltern werden hilfsbedürftig und kommen alleine nicht mehr gut zurecht: Wie kann man das ansprechen? Und was, wenn sie Veränderungen ablehnen? Expertinnen raten zu Sensibilität und einem Dialog auf Augenhöhe.
Alternden Eltern sollte man nach Einschätzung einer Expertin sensibel begegnen und sie möglichst nicht bevormunden. "Wir sollten sie nicht mit unserer Perspektive überfahren", sagte Bettina Ugolini, Leiterin einer Beratungsstelle Leben im Alter, am Montagabend bei einem Live-Talk der Zeitschrift "Psychologie heute". So solle man erst die Eltern nach ihrer Wahrnehmung der Situation zu Hause fragen, bevor man seine eigenen Beobachtungen mitteile.
Dabei sei es wichtig, alten Eltern Zeit zu lassen, sich langsam auf eine Veränderung einstellen zu können; es sei nicht einfach, zu realisieren, dass frühere Kräfte nicht mehr zurückkehren werden.
Es gehe auch um Akzeptanz und eine realistische Einschätzung der Situation. Nur, weil die Badewanne plötzlich staubig sei, müsse man nicht direkt ein Pflegeheim organisieren. "Wenn meine Eltern nicht mehr so ordentlich sind, wie sie waren, heißt das ja nicht, dass das nicht lebbar ist", sagte Ugolini. "Es ist ihnen vielleicht auch nicht mehr wichtig - das ist auch eine Freiheit, die man ihnen gewähren muss."
Gerade im Bereich Hygiene und Sauberkeit sei es ratsam, besonders sensibel vorzugehen. Kritik in diesem Bereich kränke besonders, sagte die Expertin.
Grundsätzlich wies sie daraufhin, mehr auf die noch vorhandenen Ressourcen der Eltern zu schauen. Es brauche mehr Wertschätzung für alles, was sie noch können. "Unsere Sicht aufs Alter ist oft zu defizitär", sagte sie.
Auch sei es grundsätzlich für Menschen jedes Alters schwer, Hilfe anzunehmen. "In unserer ich-zentrierten Gesellschaft ist Hilfe anzunehmen ein Zeichen von Schwäche", kritisierte Ugolini. Entsprechend schwierig sei, es die eigenen Grenzen zu erkennen.
Katja Werheid, Professorin für Klinische Neuropsychologie und Psychotherapie, empfahl vorausschauende Gespräche mit Blick auf eine Pflegesituation. Es sei wichtig, mit der eigenen Familie rechtzeitig zu besprechen, wie man es im Falle des Falles managen könne. Dabei sei es ratsam, "frühzeitig viele Leute ins Boot holen und sich ein Netzwerk aufzubauen wie in anderen Betreuungssituationen etwa mit Kleinkindern auch." Hier gelte der Satz: "Every oldie needs an village."
Beim Thema Pflege sei es wichtig, mit Blick auf das Verhältnis zu den eigenen Eltern ehrlich zu sich selbst zu sein. "Man muss sich fragen, was sind meine Werte, wo sind meine Grenzen, und wie will ich umgehen mit jemandem, der jetzt schwächer ist als ich", so Werheid. Manchmal sei das Verhältnis zu Mutter oder Vater für eine Pflege einfach zu distanziert.
Rechtlich sei kein Kind zur Pflege der Eltern verpflichtet, sagte sie weiter. Und auch finanziell werde nur herangezogen, wer über ein Bruttoeinkommen von über 100.000 Euro jährlich verfüge. Ansonsten komme das Sozialamt für die Pflegekosten auf, so Werheid.