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“Gott hat mehr Macht als die Islamische Republik”

Das Regime im Iran hat bei Demonstrationen tausende Menschen getötet. “Oft weine ich nachts”, sagt Pastor Mehrdad Sepehri Fard, der in Teheran geboren wurde. Ein Interview.

In mehreren deutschen Städten demonstrierten Menschen am vergangenen Wochenende für einen freien Iran, hier in Köln
In mehreren deutschen Städten demonstrierten Menschen am vergangenen Wochenende für einen freien Iran, hier in KölnImago / Panama Pictures

Pastor Mehrdad Sepehri Fard leitet die Fachstelle „Persischsprachige Seelsorge in Westfalen“. Er ist als Ansprechpartner und Seelsorger zuständig für persischsprachige Christinnen und Christen, vor allem aus dem Iran, aus Afghanistan und Tadschikistan. Er wurde in Teheran geboren und kam 1997 nach Deutschland. Im Alter von zwölf Jahren fand er zum christlichen Glauben.

Wieviele Menschen erreichen Sie ungefähr?
Sepehri Fard: Eine feste Zahl gibt es nicht, weil viele Menschen oft umziehen oder in andere Bundesländer verlegt werden. Ich mache die Arbeit seit 2017, seitdem habe ich mehr als 600 Menschen intensiver begleitet. Viele kommen ganz am Anfang zu mir, beim Asylantrag, weil sie Orientierung brauchen. Später geht es stärker um geistliche Begleitung. Viele Christinnen und Christen kommen aus dem Iran. Wir haben Online-Kurse mit etwa 70 Teilnehmenden, die über sechs Monate laufen, und daneben Gottesdienste in verschiedenen Städten.

Wie eng ist der Kontakt der Menschen zu ihren Angehörigen im Iran?
Es gibt noch Kanäle, aber es ist anstrengend und kompliziert. Telefone funktionieren nicht mehr. Zum Teil gibt es noch Satellitenverbindungen, über Starlink. So bekommen die Menschen mit, was im Ausland passiert, dass Menschen auf ihrer Seite stehen. Aber viele Informationen kommen nur bruchstückhaft an.

Pastor Pastor Mehrdad Sepehri Fard stammt aus dem Iran
Pastor Pastor Mehrdad Sepehri Fard stammt aus dem Irankkpb

Was hören Sie aus dem Iran?
Manchmal heißt es: 12.000 Tote, dann über 20.000, manche reden von 2000. Die Menschen, mit denen wir sprechen, sagen mit weinender Stimme: „Soldaten kommen mit Waffen, sie schießen auf uns.“ Aus großen Städten gibt es zum Teil noch Nachrichten. Aus anderen Regionen hören wir gar nichts mehr. Es gibt Berichte, dass Familien 1000 Euro zahlen müssen, um den Leichnam zurückzubekommen – als „Ersatz für die Kugeln“. Sonst werden die Toten in Massengräbern verscharrt. Oft weine ich nachts darüber.

Wie erleben die Exil-Iranerinnen und -Iraner die Situation?
Das ist herzzerreißend. Viele fühlen sich ohnmächtig. Sie sind hier in Sicherheit und wissen gleichzeitig, was ihren Familien passiert. Freiheit hat einen Preis. Wir alle, die hier in Deutschland sind, haben ihn gezahlt. Auch ich wurde gefoltert. Wichtig ist, daran festzuhalten: Die Menschen dort sind nicht umsonst gestorben.

Welche Rolle spielt der Glaube in dieser Situation?
Wir sagen: Die Islamische Republik hat den Iran erobert und in Geiselhaft genommen. Viele Menschen haben seit 47 Jahren gehört: Allah will uns bestrafen. Was fehlt, ist diese andere Botschaft: Gott will uns nicht peitschen und strafen, sondern Liebe zeigen. Was hilft? Regelmäßige Gottesdienste. Kerzen entzünden für die Gestorbenen. Das tut gut, gerade wenn wir praktisch wenig tun können. Wir wissen: Gott hört unser Gebet. Er hat mehr Macht als die Islamische Republik. Auch Jesus wurde gekreuzigt – Leid gehört dazu. Aber wir sollen an der Hoffnung festhalten.

Was kann man sonst noch tun?
Schreibt Briefe an Politiker, sagt ihnen: Tut etwas, nicht nur Worte! Die Islamischen Revolutionswächter müssen als Terroristen eingestuft werden – in Deutschland, in Europa, weltweit.

Gibt es noch funktionierende Netzwerke?
Ja. Ich lebe seit 28 Jahren hier, aber die Netzwerke aus dem Iran bestehen weiter. Jedes Jahr lassen wir im Iran etwa 20.000 Bibeln verteilen – das sind verdeckte Operationen. Auch die Taufkurse laufen weiter, über Zoom, ohne Bild, mit falschen Namen.

Wie ist die Verbindung zu den deutschen Gemeinden?
Ich sage immer: Die Hauptspeise ist die Ortsgemeinde, ich bin nur der Salat. Viele sind in Presbyterien, arbeiten als Küsterin oder Küster oder feiern zweisprachige Gottesdienste. Es geht darum, dazuzugehören.

Wie sehen Sie die Zukunft des Iran?
In der Geschichte ist kein Diktator sein Leben lang geblieben. Die Frage ist: Wann ist die Zeit für den Iran? Ich sehe: Die Zeit ist nahe. Die Menschen wollen sich nicht mehr unterdrücken lassen, sie wollen ihre Revolution zu Ende bringen. Der Unterschied zu früheren Protestwellen ist: Viele glauben nicht mehr an Reformen. Das politische Ziel ist heute klar: das Ende der Islamischen Republik.

Im Iran rufen viele nach Pahlavi, dem Sohn des Schahs.
Er sagt, er wolle den Übergang übernehmen und das Land in eine Demokratie führen. Viele Iraner kennen ihn, glauben ihm. Auch ich vertraue ihm. Wir haben keine Alternative, es gibt keine andere Führungsfigur, auf die wir uns einigen könnten.

US-Präsident Trump will eingreifen…
Trump ist völlig unberechenbar, aber wenn er helfen kann… oder Netanjahu… Wir würden jede Hilfe annehmen. Europa könnte auch etwas tun, tut aber nichts. Revolutionswächter als Terroristen einstufen, Botschafter ausweisen, diplomatische Kontakte beenden – das hätte Konsequenzen. Hauptsache, Hilfe kommt. Wie bei der Kollekte: Jede Hilfe ist willkommen.

Was wünschen Sie sich von Christinnen und Christen in Deutschland?
Nächstenliebe ist der Kern unseres christlichen Glaubens. Der Nächste ist nicht nur mein Nachbar, der gleich um die Ecke wohnt, sondern auch der Mensch im Iran. Zeigt, was dort passiert. Teilt Informationen. Betet im Gottesdienst für die Menschen im Iran. Zeigt: Wir stehen an eurer Seite. So viele sind für Palästina auf die Straße gegangen – warum nicht für uns? Menschenrechte sind Menschenrechte, egal wo und für wen. Lange war die Zeit, um Augen zu schließen und zu beten. Jetzt sage ich: Augen aufmachen und etwas tun.