Als ich im vergangenen Jahr die Nachricht über den globalen Frauengeneralstreik von der Initiative „Enough! Genug!“ gelesen habe, habe ich mich wahnsinnig gefreut, dass nun endlich etwas passiert. Seit Jahren höre ich mich immer wieder zu Familie und Freundinnen sagen: „Mein Traum ist ein genereller Frauenstreik.“ Endlich eine Möglichkeit, meinem Frust und meiner Wut Ausdruck zu verleihen, auch außerhalb meines Umfelds. Und ich bin nicht allein mit diesen Gefühlen, ich kenne so viele Frauen, denen es genauso geht.
Denn wir sind es leid – zu reden, zu erklären, zu hoffen, dass wir ernst genommen werden. Petitionen zu starten, wissenschaftliche Ergebnisse und Argumente zu erläutern und doch zu wenig Aufmerksamkeit, zu wenig Geld, zu wenig Gehör in der Politik und bei Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger zu finden.
Strukturelle Diskriminierung am Arbeitsplatz
Diese Arbeit ist ermüdend. Und sie muss quasi „nebenher“ geleistet werden – neben Job, Familie, Haushalt. Zudem betrifft die Ungleichbehandlung so viele Bereiche, dass die Energie gefühlt niemals ausreicht: Frauen kämpfen am Arbeitsplatz weiterhin für gleichen Lohn, faire Aufstiegschancen, sichere Bedingungen und gegen strukturelle Diskriminierung. Viele sind in schlecht bezahlten Jobs überrepräsentiert, während Führungspositionen weiterhin überwiegend männlich besetzt sind.
Im Gesundheitsbereich werden Beschwerden von Frauen häufig bagatellisiert oder als psychosomatisch abgetan. Eine dänische Studie, die Daten von 6,9 Millionen Menschen analysierte, ergab, dass Frauen bei über 700 verschiedenen Krankheiten im Schnitt viereinhalb Jahre länger auf eine Diagnose warten müssen als Männer*. Und die Entscheidungen über den eigenen Körper – wie die reproduktive Selbstbestimmung – werden nicht selbstverständlich den Betroffenen zugesprochen, sondern öffentlich infrage gestellt.
Weltweit ist Gewalt gegen Frauen eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen – und auch in Deutschland wächst das Problem, wie die aktuelle Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“ zeigt. Es fehlen Schutzplätze, wirksame Prävention und eine konsequente Strafverfolgung. Besonders betroffen sind Frauen mit Migrationsgeschichte sowie Angehörige der LSBTIQ*-Community.
Im Ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche begegnen uns regelmäßig Frauen, die sich nicht trennen können, weil sie finanziell vom teilweise gewalttätigen Partner abhängig sind. Frauen, die schwer krank sind und sich kein Taxi zum Arztbesuch leisten können, obwohl sie ihr Leben lang nichts anderes getan haben, als zu arbeiten und andere zu versorgen. Frauen, die von Diskriminierung und Rassismus durch unsere gesellschaftlichen Strukturen betroffen sind.
Wir Mitarbeiterinnen von Evas Arche sind selbstverständlich auch betroffen von ungerechten Strukturen. So müssen wir zum Beispiel immer wieder um unsere Arbeitsplätze fürchten, da die Finanzierung von Frauenprojekten nicht ausreichend gesichert ist.
Vorbild gefragt: Kirche in der Pflicht
Beim globalen Frauenstreik am 9. März richten wir den Blick in weltweiter Solidarität auf die Situation von Frauen. Denn Frauen sind in jedem Land der Welt von Missständen und patriarchalen Strukturen betroffen – in vielen Ländern noch weitaus mehr als in Deutschland.
Gleichberechtigung muss endlich Wirklichkeit werden. Die Kirchen könnten als Arbeitgeberinnen mit gutem Beispiel vorangehen und faire Gehälter für sogenannte Frauentätigkeiten zahlen. Sie könnten mehr Frauen in Leitungspositionen wählen. Einrichtungen für Frauen müssen finanziell abgesichert sein, damit sie bei den nächsten Haushaltsverhandlungen nicht abgeschafft werden können. Gleichberechtigung kann nicht als erreicht abgehakt werden, sondern erfordert immer neues Hinterfragen von Strukturen.
Frauenstreik: Frauen brauchen Fairness und Wertschätzung
Wir erhoffen uns vom globalen Frauenstreik ein Wachrütteln. Ein Innehalten. Eine ehrliche Antwort auf die Frage: Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn Frauen tatsächlich nicht zur Verfügung stünden? Denn dann wird deutlich, wie zentral unsere Arbeit ist. Der Streik soll zeigen, dass diese Leistungen nicht selbstverständlich sind. Dass sie Anerkennung, faire Bezahlung und gerechte Rahmenbedingungen verdient.
Ein solcher Streik ist unbequem, er stört. Er fordert Umdenken. Genau das ist sein Zweck. Veränderung beginnt selten in der Komfortzone. Es geht darum, Realitäten sichtbar zu machen. Darum, zu zeigen, wie sehr der Alltag von allen – wirtschaftlich und sozial – auf der (unbezahlten) Arbeit von Frauen basiert. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, heißt es in unserem Grundgesetz. Dieser Satz soll Wirklichkeit werden. Wir haben ein Recht darauf.
Juliane Schütz ist Sozialarbeiterin. Sie leitet das Projekt „Starke Mädchen – Starke Mütter“ des Ökumenischen Frauenzentrums Evas Arche in Berlin.
