Gesundheits-Expertin: Medizinische Forschung ist männlich geprägt

Neben dem Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen besteht eine weitere Kluft zwischen den Geschlechtern: der Gender Health Gap. Er wird aus Sicht der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) in Hannover bislang noch weniger als der Gender Pay Gap öffentlich wahrgenommen. „Medizinische Forschung war lange und ist immer noch männlich geprägt“, sagte DSW-Vorstand Angela Bähr dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die negativen Folgen für die Gesundheitsvorsorge und die Behandlung von Frauen wirkten bis heute nach. So verbrächten Frauen nach einer internationalen Studie des Weltwirtschaftsforums etwa 25 Prozent mehr Lebenszeit in einem schlechteren Gesundheitszustand als Männer, mahnte die Gesundheitswissenschaftlerin.

Ein häufig vernachlässigter Forschungsaspekt sei, dass für Arzneimittelstudien in der Vergangenheit männliche Probanden bevorzugt worden seien, weil der weibliche Zyklus als „Störfaktor“ galt, führte Bähr aus. Gravierend wirke sich der Gender Health Gap auch bei der Behandlung von Herzerkrankungen aus: Frauen stürben öfter an Herzinfarkten als Männer. Das liege auch daran, dass sich Herzinfarkte bei Frauen durch andere Symptome äußerten als bei Männern. „Sie werden somit nicht oder nicht schnell genug erkannt“, kritisierte Bähr. Ein weiteres Beispiel für eine geschlechtsspezifisch vernachlässigte Erkrankung ist laut Bähr Endometriose, eine der häufigsten Unterleibserkrankungen bei Frauen.

Deutschland tue mittlerweile viel, um die Gesundheitslücke zu schließen, doch der Weg sei noch weit, sagte die Gesundheitswissenschaftlerin. So sei bei bestimmten Gruppen die Datenlage nach wie vor unbefriedigend. Dazu zählten Frauen mit Migrationshintergrund, Frauen in der Menopause und Postmenopause, Frauen mit Behinderungen sowie lesbische, queere und trans- und intergeschlechtliche Personen.

Die DSW fordert daher geschlechtersensible Forschung, inklusivere Studien, eine bessere Datengrundlage und vor allem gezielte Investitionen in Frauengesundheit. Davon würden nicht nur Patientinnen, sondern auch Gesellschaft und Wirtschaft profitieren, unterstrich Bähr. Die bisherige Vernachlässigung der Gesundheit von Frauen wirke sich auch auf die Produktivität und den Arbeitsalltag aus. Jede zweite deutsche weibliche Führungskraft etwa empfinde die Wechseljahre als mentale und körperliche Herausforderung. Bähr verwies auf eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2024, die die wirtschaftlichen Folgekosten der Wechseljahre in Deutschland auf rund 9,4 Milliarden Euro pro Jahr taxiert.

Trotz der medizinischen Benachteiligung hätten Frauen in Deutschland eine im Schnitt fast fünf Jahre höhere Lebenserwartung als Männer, gab Bähr zu bedenken. Die DSW führe dies darauf zurück, dass Frauen stärker auf ihre Gesundheit achteten und häufiger als Männer zu Vorsorgeuntersuchungen gingen.

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