Wenn Melanie Backs am großen Kochtopf steht, leuchten ihre Augen. Sie wirkt ganz in sich gekehrt, konzentriert. Ihre Arbeit erfordert Muße, Liebe – und Kraft: Mit einem Kochlöffel muss der Topfinhalt immer in Bewegung gehalten werden, schließlich darf nichts anbrennen. „Dass die Kunden zufrieden sind, das ist das wichtigste“, sagt ihr Kollege Paul Frindte, während er ihr über die Schulter schaut. Mehrere Liter Apfel-Karotten-Chutney köcheln hier in zwei Töpfen vor sich hin, der Geruch von Essig beißt in der Nase. Neben Melanie Backs rührt ihre Kollegin Jasmina Kassebaum in einem weiteren Topf. Dampf steigt auf, die beiden Frauen geben nahezu zeitgleich die genau abgemessenen Gewürze in die Töpfe. Gleich ist die aktuelle Bestellung fertig. Denn hier wird nicht einfach nur gekocht – hier wird produziert.
Es ist eine Geschichte, bei der es nur Gewinner gibt. „Wir holen Obst und Gemüse in den Edeka-Märkten ab, das dort nicht mehr verkauft werden kann“, erklärt Christian Deutschmann, der zum Kernteam der „Manufructur“ gehört, jenem Betrieb der Wittekindshofer Werkstätten in Bad Oeynhausen, der sich auf Süßes und Fruchtiges spezialisiert hat. Gemeinsam mit anderen Menschen mit und ohne geistige Behinderung arbeitet er hier an einer speziellen Produktlinie: „Liebe²“ heißt die Chutney-Serie, die in einigen ausgewählten Edeka-Märkten zu kaufen ist und ihren Ursprung in der jüngsten der Werkstätten hat.
„Liebe²“ – das steht für vieles. Für Liebe, für leckere Produkte. Für Nächstenliebe. Für Liebe auf den zweiten Blick. Für die zweite Chance, die unverkäufliches Obst und Gemüse bekommt, weil es aufbereitet zu köstlichen Lebensmitteln verarbeitet wird. Ausgedacht hat sich diesen schönen Titel der Produktlinie die Marketingabteilung der Edeka Minden-Hannover.
Melanie Backs, Paul Frindte und Christian Deutschmann sind von Anfang an dabei. Und sie sind stolz auf ihren Erfolg. Den erleben sie jeden Tag aufs Neue: Die Chutneys gehen weg wie warme Semmeln, ständig muss nachproduziert werden. „Vor Kurzem hatten wir eine Großbestellung“, erzählt Deutschmann und wischt sich mit dem Handgelenk symbolisch über die Stirn. „Da gab es eine Menge zu tun.“
Das System ist ausgeklügelt: Gemeinsam mit einem Mitarbeiter der Werkstätten holen die Manufructur-Mitarbeiter die Waren in Supermärkten in Minden und Porta Westfalica ab – aber nur an den Tagen, an denen die Tafeln dort keine Lebensmittel sammeln. Dann werden sie in der Manufructur verarbeitet.
Der Name der Werkstatt ist Programm: Alle Produkte des Betriebes werden von Hand hergestellt, überwiegende Bestandteile sind Früchte und Gemüse. Einige werden in einem kleinen Laden vor Ort verkauft. Doch was die Belegschaft wohl am meisten antreibt, ist die Zusammenarbeit mit Edeka. „Da muss alles genau stimmen“, erklärt Melanie Backs, während sie und ihre Kollegin jetzt die leeren Gläser auf einer Digitalwaage grammgenau füllen – nicht ganz einfach, schließlich muss das Eigengewicht der Gläser abgezogen werden.
Verkauft werden die Gläser in drei Märkten in Minden und Porta Westfalica, mit der WEZ-Gruppe hat eine weitere regionale Supermarktkette Interesse angemeldet. Doch viel mehr Verkaufsstellen sollen es nicht werden: Die Manufructur ist in der ehemaligen Bäckerei des Wittekindshofes untergebracht, da dort alle Auflagen des Gesundheitsamtes erfüllt werden konnten. Doch für eine Massenproduktion wären die Räume zu klein – und das Projekt ungeeignet.
Besonders das Vorbereiten der Früchte und des Gemüses ist aufwändig – und musste geübt werden: Wo reicht es, braune Stellen wegzuschneiden, was muss komplett weg? Was ist eine Druckstelle, was faul? Geübt wurde zunächst mit Bildern, dann mit echten Lebensmitteln. „Das allerwichtigste ist aber die Hygiene“, sagt Melanie Backs. „Hände gründlich waschen und desinfizieren, Handschuhe und Haube anziehen.“
Bevor Melanie Backs in die Manufructur kam, wurde sie für Verpackungsarbeiten eingesetzt. „Aber hier macht es viel mehr Spaß, vor allem das Arbeiten mit Lebensmitteln“, sagt sie. Jasmina Kassebaum ist erst seit zwei Wochen dabei. Sie macht gerade eine hauswirtschaftliche Ausbildung und soll hier Eindrücke sammeln. „Vielleicht möchte ich später im Reinigungsbereich arbeiten – aber das hier macht auch viel Spaß“, sagt sie. Ihre Lieblingstätigkeit? „Das Aufkleben der Etiketten. Da kann ich am besten an meiner Geschwindigkeit arbeiten.“
Dabei geht es hier eben nicht um Tempo sondern viel mehr um Abwechslung. Die Arbeit ist vielfältig und herausfordernd, aber nicht überfordernd. Einige der Mitarbeiter hatten früher Probleme mit ihrem Verhalten, sie waren aggressiv oder unkontrolliert – hier haben sie eine Beschäftigung gefunden, die sie erfüllt und zufrieden macht. „Man weiß, was man gemacht hat“, sagen Christian Deutschmann und Melanie Backs übereinstimmend.
Jetzt ist aber erstmal Mittagspause. In ihren Wohngruppen werden die Mitarbeiter aus der Großküche versorgt. Ihre Chutneys gibt es aber auch. „Die schmecken gut zum Grillen“, sind sich Paul Frindte und Christian Deutschmann einig. Beide schwören auf die pikante Tomate-Zwiebel-Variante, Melanie Backs auf die süßliche Zwiebel-Karamell-Version, für die echter Rohrzucker vor Ort karamellisiert wird. „Die anderen sind aber auch ganz lecker“, sagt Christian Deutschmann. „Die muss man einfach probieren. Sonst weiß man ja nicht, wie gut die schmecken.“
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Gerührt mit Muße, Liebe und Kraft
Es ist eine dieser Situationen, von der zwei Seiten profitieren: Eine Supermarktkette gibt überreifes Obst und Gemüse ab – die „Manufructur“ im Wittekindshof verarbeitet die Lebensmittel zu Chutneys, die in den Märkten verkauft werden
