An vielen Orten leuchten in diesen Tagen helle und warme Lichter. Sie tun gut. Gerade in dieser
dunklen Jahreszeit ist es oft die Sehnsucht nach mehr
Licht und Wärme, die aufsteigt. Auch das Entzünden der Kerzen auf dem
Adventskranz bringt von Woche zu Woche mehr Licht in die Dunkelheit. Dass wir Kerzen entzünden und Lichter sichtbar in die Fenster stellen, verbindet.
Der Schriftsteller Daniel Schreiber appelliert in seinem neuen Buch „Liebe! Ein Aufruf“ zu Versöhnung, Gemeinsinn, Liebe und Verbundenheit. Er meint, dass in der aktuellen politischen Situation das, was uns am meisten helfen würde, ein Gefühl von
Verbundenheit, zu verschwinden droht.
Deshalb braucht es Rituale und Zeiten, in denen Verbundenheit erlebt wird. Rituale schaffen Verbundenheit, nicht nur mit den Menschen, mit denen wir sie feiern, sondern auch mit den Menschen, die vor uns gelebt haben. Rituale geben uns Anteil an den Wurzeln, an der Lebenskraft und Glaubenskraft unserer Vorfahren, die diese Rituale in ähnlicher Weise gefeiert und damit ihr Leben in schwierigen Zeiten bewältigt haben. So verbinden uns die Rituale mit den Menschen, von denen wir glauben, dass sie jetzt im ewigen Licht sind.
Advent: Geborgenheit und Milde
Eine Tradition ist: eine Kerze für jemanden anzuzünden. Solange sie brennt, geht unser Gebet für den andern zum Himmel. Die brennende Kerze drückt unsere Bitte aus, dass Gott das Leben des Menschen, an den wir gerade denken, heller werden lässt, dass ihm wieder das Licht der Hoffnung aufleuchtet. Das Licht der Kerze strahlt Geborgenheit und Milde aus. Wir fühlen uns im lebendigen Licht der Kerze daheim.
Das Licht der Kerze ist anders als die grelle Neonbeleuchtung. Es ist ein mildes Licht. Es bewertet und verurteilt nicht. Wir haben den Eindruck, wenn wir vor der brennenden Kerze sitzen, dürfen wir so sein, wie wir sind. Das milde Licht der Kerze erhellt uns, es wärmt uns und es verbindet uns mit den Menschen, für die die Kerze auch brennt. Im Schein der Kerzen sind Menschen miteinander verbunden.
Das Licht kommt so langsam in die Dunkelheit. Die Dunkelheit auch in unseren Tagen wahrzunehmen, ist wesentlich: Leid, Verlust, Traurigkeit und Schmerz nicht auszuweichen. Diese Erfahrungen und Empfindungen verbinden uns. Diese Verbundenheitserfahrung, sich von Mensch zu Mensch zu verstehen, bewahrt die Menschlichkeit.
Dunkelheit ernstnehmen
Die französische Philosophin Corine Pelluchon meint im Zusammenhang mit Hoffnung in Zeiten der Krisen im Interview mit „DIE ZEIT“: „Wir müssen die Dunkelheit ernstnehmen, ohne dabei zu denken, dass sie niemals enden wird. Denn ja, auch in der tiefsten Nacht gibt es ein Licht. Wir müssen lernen, es wahrzunehmen.“
Das Licht, das in der Dunkelheit scheint, ist für uns das göttliche Licht, das Licht der Krippe, das erahnen lässt, dass wir in diesem Licht geborgen und aufgehoben sind. Das Licht der Krippe ist auch in uns. Es ist der Raum, von dem Mystikerinnen und Mystiker sprechen, in dem Gott in uns selbst wohnt.
Gott ist da
Wenn es am Abend dunkel wird, können es Momente der Verbundenheit sein, die Schutz und Geborgenheit geben: In die Dunkelheit hinein eine Kerze zu entzünden und für einen Moment der Stille vor Gott da zu sein, kann eine Zeit sein, in der manchmal eine sanfte Ahnung aufsteigt: Gott ist da.
In aller Dunkelheit und Unsicherheit gibt es da eine Verbindung. Ein Geborgensein. Eine Zugehörigkeit. Das Kind in der Krippe spricht mit leisen Tönen: „Ich bin dein Licht in tiefster Nacht.“
Künstler haben das göttliche Kind in den Armen Marias oft als Lichtquelle gemalt, von der das Licht die Gesichter der umstehenden Hirten und Hirtinnen erhellt. Das Licht, das vom göttlichen Kind ausstrahlt, verbindet alle Menschen, die durch das Licht mit ihrer Sehnsucht in Berührung kommen, dass sie nicht allein gelassen sind, dass Jesus in ihre innere Leere hinabgestiegen ist und sie in Fülle verwandelt.
Pfarrer Günter Hänsel und Benediktinermönch Anselm Grün schreiben regelmäßig zusammen über Hoffnung, Trost und christliche Spiritualität in herausfordernden Zeiten.