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Gelungener Freiburger “Tatort” über starke Bruderbande

Ein Apotheker wurde ermordet. Kurz danach taucht Reini, der Bruder von Kommissar Berg, auf dessen Hof auf – er ist aus der Psychiatrie abgehauen. Haben Reini und seine beiden Gefährten etwas mit dem Mord zu tun?

Es ist eine Rolle, die der Karriere von Felician Hohnloser einen gewaltigen Schub verpassen könnte: Der 39 Jahre alte Schauspieler, bisher eher aus dem Theater, der freien Szene und experimentellen Formaten bekannt, jedenfalls nicht so sehr dem breiten Publikum, spielt die titelgebende Figur. Das Erste strahlt den “Tatort: Der Reini” am 16. November von 20.15 bis 21.45 Uhr aus. Reini ist der Bruder von Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), und er ist zusammen mit seiner Freundin Mika (Mareike Beykirch) und dem brutalen Soziopathen Luke (Karsten Antonio Mielke) aus der geschlossenen Psychiatrie weggelaufen; die drei nisten sich auf Friedemanns Hof ein.

Wobei: Tatsächlich gehört das abgelegene Anwesen den Brüdern gemeinsam, Reini möchte endlich ernst genommen werden und eine Beziehung auf Augenhöhe. Was Friedemann, Reinis Vormund, nicht leicht fällt. Wirkt sein jüngerer Bruder doch wie ein Kind im Körper eines Mannes, scheu, verspielt, heillos naiv sowie von leicht verminderter Intelligenz und Impulskontrolle. Hohnloser spielt diese Figur mit so viel Zartheit, Wärme und Präsenz, feinen Nuancen, Tragik und Komik gleichermaßen, dazu der erdende badische Dialekt: eine eindrückliche Performance.

Der 15. Freiburger “Tatort” mit dem Team Berg-Tobler (je nach Zählweise ist es auch erst der 14., denn in einer Episode fehlte Berg) erzählt denn auch nicht nur einen Kriminalfall mitsamt Geiselnahme, sondern vor allem von starken Bruderbanden, geknüpft auch durch ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit. Eine Beziehung, die hier zwischenzeitlich allerdings arg strapaziert wird.

Denn Reinis gewalttätiger Kumpan Luke lässt Friedemann nicht mehr gehen, fordert Geld, um ein neues Leben zu beginnen: Die drei sind nicht nur auf der Flucht aus der Geschlossenen, sondern auch wegen eines Mordes an einem Apotheker. Nach kürzester Zeit reißt Luke die Gewaltherrschaft auf dem Hof offen an sich, bedroht auch Reini und die schweigsame, hochlabile Mika. Auf dem Kommissariat wundert man sich derweil sehr über den abwesenden Berg, der nicht einmal das Telefon beantwortet. Schließlich macht sich Franziska Tobler (Eva Löbau) selbst auf den Weg, um nach ihm zu sehen…

Es ist eine Story mit einem starken inneren Drive, die Drehbuchautor Bernd Lange und Regisseur Robert Thalheim hier erzählen – mit “Goldbach” gestalteten sie 2017 bereits den allerersten Fall dieses SWR-“Tatort”-Teams gemeinsam. Während Lange seit etwa zwei Jahrzehnten für klug unterhaltende Drehbücher bekannt ist, hat Thalheim schon früh mit seinen Kinofilmen “Netto” und “Am Ende kommen Touristen” bewiesen, dass er die Balance zwischen Ernsthaftig- und Leichtigkeit gut auszutarieren weiß. Das größte Pfund dieses Films sind, neben den guten Darstellern, die stimmig gezeichneten Figuren und Konflikte. Sie bilden eine spannungsreiche Ausgangslage und treiben das Geschehen organisch voran.

Neben den Geschehnissen auf dem einsam in den dunklen Forsten des Schwarzwalds gelegenen Hof funktioniert auch der ausreichend dezente Erzählstrang rund um das Revier sehr gut: Während Tobler anfangs auf einer Fortbildung weilt – sie will ja Chefin werden, was mindestens seit dem vorigen Fall der beiden für gewisse Misstöne sorgt – und Berg durch Abwesenheit glänzt, muss die junge Kollegin Ella (toll: Luise Aschenbrenner) den Laden schmeißen. Das ist fein erzählt, wie diese junge Polizistin mit der Rolle hadert, die ihr da aufgedrückt wird, sich überfordert zurechtzufinden sucht im Gestrüpp des ermittlungstaktischen Prozedere – und sachte an Selbstvertrauen zulegt.

Szenen, die ebenso wie mancher Moment auf dem Hof gelegentlich auch Komik bergen, auf eine stille, stimmige Art – ein gutes Gegengewicht zur Dramatik der Handlung. Dazu klare, sprechende Bilder und eine effektive, nie überladene Tonspur. Dieser “Tatort” ist eine gut austarierte Mischung aus gelungenem Krimi, mitreißendem Familiendrama und nervenaufreibendem (Psycho-)Thriller zugleich, dabei stets um ein warmherziges Zentrum kreisend – den Reini eben.