Alles neu. Das klingt verlockend, natürlich. Da denkt man nicht nur an das alte Smartphone, das im Vergleich zu den anderen inzwischen so langsam geworden ist. Da denkst Du womöglich vor allem an die Knie, die nicht mehr so richtig wollen und die Augen, die immer schlechter werden. Und ja, Du denkst vielleicht erst recht an die Beziehungen, das Zerstrittene, das Eingerostete, Erlahmte. Alles neu also?
Biblisch gesehen ist das nicht nur eine Verlockung, es ist eine Verheißung, die vor allem für die gilt, die im Leben unter die Räder gekommen sind, die Geschundenen und Verlorenen in Zeit und Welt. Die vor allem haben die biblischen Worte vor Augen, so ist das gemeint im letzten Buch der Bibel im vorletzten Kapitel. Gott wird abwischen die Tränen und er wird einen neuen Himmel und eine neue Erde offenbaren, ja herabsenken auf die Erde, heißt es unmittelbar vor den Worten der Losung. Eine Welt, in der Menschen nicht, wie zur Zeit dieses Sehers Johannes, für ihr Bekenntnis verfolgt und für ihr Vertrauen auf Gott verraten werden. Eine neue Erde und einen neuen Himmel – und alles, alles eben neu. Gerecht. Gewollt. Geliebt wirst Du sein, so wie Du es schon bist. Aber dann wirst Du es leben können. Mit dieser Losung schickt uns die Bibel ins neue Jahr. Ach ja, der Wunsch ist alt an der Schwelle zum Jahreswechsel. Es soll anders werden. Neu bitte diese Welt voller Dunkelheiten im neuen Jahr. Bitte neu, alles.
Jahreslosung 2026: Skepsis stellt sich ein
Alles? Spätestens bei diesem Wörtchen stellt sich womöglich Skepsis ein. Muss es denn alles sein? Hatten wir alles nicht schon im letzten Jahr prüfen sollen und zumindest das Gute behalten wollen, wie es die vergangene Jahreslosung sagte? Und nun doch nicht, weil einfach alles neu? Du liebst doch auch diese Erde, mit ihrer unsagbar schönen Schöpfung, die in aller Verwundung doch ihren Zauber immer behält. Guck Dir doch die Muster an den Scheiben an, wenn das Wasser zu Eisblumen gefroren ist. Oder die ersten Krokusse, die schon rausgucken, wenn es mal ein paar Tage zu warm ist. Das willst Du doch behalten, Du liebst doch diese Erde und besonders die Menschen in ihr, hast vielleicht gerade das Richtige gefunden für Dich und bist froh über all die, die Dir an der Seite geschenkt sind. Wieso jetzt alles neu?

Und auch der Glaube, der sich tiefer und tiefer eingewohnt hat in Dir, in Deiner Seele, der muss jetzt nicht neu sein – Du bist doch froh, dass er Dich trägt zwischen Kriegen und Klima. Alles neu? Du wärest vielleicht froh, gerade mal hinterherzukommen bei dem, was sich sowieso alles ändert. In der Kirche, außerhalb der Kirche, in der Digitalisierung, mit der Künstlichen Intelligenz. Mehr neu braucht’s doch gar nicht, oder? Gott, sei doch, wie versprochen, lieber derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit, heißt es nicht so?
Gottes gute Zusage
Ja, es ist sofort klar, dass das Verschiedenes meint: Gottes gute Zusage. Und unser Verhältnis zu Neu und Alt. Im Leben, in dieser, in unserer Welt bleiben die Dinge ja immer zweischneidig, ambivalent. Alles neu, so schön es ist, kann immer auch als Abwertung vom Bewährtem gelesen werden. Alles alt, um das deutlich zu sagen, ist natürlich auch oft genug bloß Erstarrtes, könnte weg, müsste womöglich sogar. Nur alt, nur neu, in dieser Welt nie nur oder absolut gut.
Weshalb das Wort, das hier als Jahreslosung aus der Offenbarung genommen ist, an der Stelle, wo von neu die Rede ist, nicht etwas Statisches, sondern Hochdynamisches meint, nämlich: Erneuern. Siehe, verspricht Gott, ich werde alles erneuern – so könnte man es auch übersetzen. Erneuern aber, das spüren wir sofort, meint nicht die Abschaffung dessen, was sich als gut bewährt haben sollte, es meint die Bewahrung von Bewährtem und zugleich das Neumachen dessen, was nicht mehr geht. Weil es ungerecht, weil es überholt, weil es kaputt, weil es verloren war.
Der neue Bund, von dem ja in der Bibel oft die Rede ist – und zwar nicht nur im Neuen Testament, sondern auch im Ersten schon. Der neue Bund ist ja, deshalb redet die Hebräische Bibel so oft davon, der erneuerte Bund Gottes. Also der bestehende, der wieder und wieder und weiter und weiter gelten soll – als Bündnis zwischen Gott und den Menschen.
Verlässlich und immer wieder neu
Im Glauben, wenn von den letzten Dingen die Rede ist, also von dem, wie es sein wird, wenn Gott kommt und die Schöpfung und die Menschheit und Gott alles in allem sein wird, im Glauben, wenn von diesen Dingen die Rede ist, ist in der Geschichte viel darüber gerungen und auch gestritten worden, wie wir uns das vorstellen dürfen: als Vernichtung der bisherigen Welt und als Erleben einer neuen, vollkommen neuen Schöpfung? Oder als Fortbestehen der Schöpfung nur eben so, dass das Dunkle und Schwere und Zerstörerische nicht mehr sein wird? Alles neu oder das Erhaltenswerte erneuert. Das klingt nur auf den ersten Blick nach einer weltfremden, womöglich akademischen Spezialfrage. Es macht doch etwas, ob ich mir das Ende – persönlich oder kollektiv – als eine völlige Auflösung oder wie eine vollständige Verwandlung vorstelle. Oder beides? Mit dem Bleiben Gottes in allem, auch im Tod, bleibend bei unserem Namen, unserer Person, unserer Identität vor Gott.
Gott wird erneuern. Das ist die Hoffnung. Und die ist uralt, beständig, treu, verlässlich und immer wieder neu. Zusammengefasst in zwei Worten: Beständig neu. Das ist übrigens der Leitspruch der Wiege der Mark, der Wiege unserer schönen EKBO, Evangelisch im Osten. Beständig neu ist der Leitspruch des Doms zu Brandenburg an der Havel. Wann waren Sie das letzte Mal da? Vielleicht ein Vorhaben für das Jahr 2026? Wie auch immer: Beständig neu Gottes Segen, wünsche ich Ihnen. Gott befohlen.
