Frühlingsgefühle: Licht, Lust und Libido

Kaum klettern die Temperaturen, steigt auch die Stimmung. Plötzlich schlägt der Puls schneller, der Blick des Gegenübers wirkt intensiver, das Herz pocht lauter. Im Frühling fühlen sich viele wacher, offener, verliebter. Mit den länger werdenden Tagen fällt der Spiegel des Schlafhormons Melatonin, das der Körper bei Dunkelheit bildet. Gleichzeitig steigen Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin, die Antrieb, Wachheit und Lebensfreude verstärken.

„Licht ist der Dirigent unserer inneren Uhr. Es hemmt Melatonin und pusht Serotonin und Dopamin direkt über die Netzhaut“, sagt Prof. Ralf Lobmann, ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie am Klinikum Stuttgart. „Besonders Patienten mit saisonaler Depression spüren das: Nach zwei Wochen Frühlingslicht sinkt ihre Müdigkeit, der Antrieb kehrt zurück.“

„Dopamin sorgt für den Kick beim ersten Spaziergang, Testosteron steigt bei Männern um bis zu 20 Prozent. Das macht flirtbereit und energiegeladen“, erläutert der Experte weiter. „Der Organismus braucht Zeit zur Umstellung, besonders wenn die Vitamin-D-Speicher leer sind.“ Bei Stresspatienten bleibe der Rhythmus gestört. Ihnen könne eine Lichttherapie helfen, um das Serotonin zu stabilisieren.

„Entscheidend für die sogenannten Frühlingsgefühle ist das Licht“, sagt auch der emeritierte Bochumer Endokrinologe Helmut Schatz. „Wenn die Tage länger werden, produziert unser Körper weniger Melatonin, die Menschen fühlen sich frischer.“ Mit den steigenden Temperaturen nehmen auch die optischen Reize zu: „Die Menschen gehen leichter bekleidet durch die Straßen. Die Männer schauen den Damen gerne auf die Beine. Die Frauenwelt blickt auf kräftige Männerarme.“

Allerdings erleben nicht alle den Frühling gleichermaßen euphorisch. Während einige förmlich aufblühen, kämpfen andere mit Frühjahrsmüdigkeit, Kopfschmerzen oder Kreislaufproblemen. Der Grund: Der Organismus braucht Zeit, um sich an die neue Lichtmenge und Temperatur zu gewöhnen, Blutdruck und Stoffwechsel müssen sich umstellen.

Und dann ist da noch die Sache mit den Babys. Sorgen Hormonrausch und die damit einhergehende verstärkte Libido tatsächlich dafür, dass im Frühling mehr Babys entstehen als im Rest des Jahres? Der Volksglaube sagt ja - Frühlingsnächte, Januarbabys. Die Statistik widerspricht: Heute dominieren Sommergeburten, neun Monate nach Weihnachten. „Hormone treiben die Libido, aber Verhütung und Lebensstil entscheiden“, sagt Helmut Schatz.

Was also bleibt vom Mythos der Frühlingsgefühle? Licht, Tageslänge und Wärme zünden einen regelrechten Hormoncocktail. Die Stimmung explodiert, die Flirtlust flammt auf. Wer sich darauf einlässt, spürt pure Leichtigkeit. Ein Blickkontakt, Sonne auf der Haut und Herzklopfen auch jenseits des Joggens. Der Tipp der Experten: Raus ins Licht, bewegen, lieben. Der Frühling heilt im Zweifel besser als jeder Arzt. (058306.03.2026)

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