Der frühere Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt hat nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern Missbrauch vertuscht. Nun gibt es einen noch schwerwiegenderen Vorwurf: Er soll selbst Täter gewesen sein.
Gegen den früheren Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt werden Missbrauchsvorwürfe laut. Die Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn schätzt die entsprechende Anschuldigung eines Betroffenen als glaubwürdig ein, wie deren Sprecher Reinhold Harnisch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Donnerstag sagte. Er äußerte sich vor der Vorstellung einer Aufarbeitungsuntersuchung durch die Universität Paderborn am frühen Nachmittag. Zwei Kirchenhistorikerinnen hatten dafür über sechs Jahre Kirchenakten ausgewertet und mit Zeitzeugen gesprochen.
Die Vorwürfe des Betroffenen liegen der Betroffenenvertretung laut Harnisch seit Ende 2025 vor. Zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat soll er minderjährig gewesen sein. Für die Betroffenenvertretung gelte der 2002 verstorbene Kardinal Degenhardt als Beschuldigter. Die Gruppe gehe Hinweisen nach, ob und inwieweit es weitere Opfer und Täter gegeben habe.
Das Erzbistum Paderborn konnte auf Anfrage zunächst nicht sagen, ob der nun bekannt gemachte Vorwurf schon Teil jener Anschuldigungen war, zu denen es im Oktober Stellung bezogen hatte. Aus Transparenzgründen hatte es selbst Vorwürfe gegen Degenhardt sowie gegen dessen Vorgänger, Kardinal Lorenz Jaeger, veröffentlicht. Die bislang bekannten Anschuldigungen seien jedoch teils unvollständig, widersprüchlich oder über Dritte eingebracht worden, so die Diözese damals. Externe Gutachter hätten sie als nicht plausibel bewertet.
2021 hatten die Forscherinnen der Uni den beiden Erzbischöfen bereits Missbrauchsvertuschung bescheinigt. Jaeger und Degenhardt hätten beschuldigte Geistliche geschützt und kaum Fürsorge für Betroffene erkennen lassen. Täter seien versetzt und weitere Übergriffe in Kauf genommen worden.