Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen fordert den Kreis Siegen-Wittenstein auf, die Förderung für die Prostituierten- und Ausstiegsberatung „Tamar“ im Münsterland wieder aufzunehmen. Die Entscheidung müsse revidiert werden, um die Finanzierung der Beratungsstelle bereits ab 2026 wieder sicherzustellen, erklärte die Frauenhilfe am Freitag in Soest. Dazu sei eine Online-Petition gestartet und die Fraktionen des Kreistages angeschrieben worden.
Der Kreistag Siegen-Wittgenstein hatte den Angaben zufolge am 12. Dezember überraschend beschlossen, den Zuschuss für die Prostituierten- und Ausstiegsberatungsstelle ab dem 1. Januar 2026 nicht weiter zu bewilligen. Die Entscheidung sei kurzfristig und entgegen der Empfehlung des zuständigen Gesundheitsausschusses gefallen, erklärte die Frauenhilfe, die Trägerin der Beratungsstelle ist.
Die Arbeit der Beratungsstelle der vergangenen Jahre zeige eine kontinuierlich hohe Nachfrage, so der evangelische Frauenverband. 2024 seien beispielweise 76 betroffene Frauen im Kreis Siegen-Wittgenstein erreicht worden, darunter seien 47 Erstkontakte. Im vergangenen Jahr habe sich diese Entwicklung fortgesetzt. Fast 40 Frauen seien intensiv begleitet und 36 in Ausstiegs- und Umstiegsprozessen unterstützt worden. Seit Bestehen der Beratungsstelle seien im Kreis insgesamt mehr als 1.130 Sexarbeiterinnen angetroffen worden, die Mehrheit sei aus EU-Staaten gewesen.
Mit dem Beschluss des Kreises ende die Arbeit der Beratungsstelle in der Region, erklärte die Frauenhilfe. Die Beratungsstelle werde ihre Tätigkeit in anderen Teilen Südwestfalens fortsetzen. Für die Frauen im Kreis Siegen-Wittgenstein entstünde jedoch eine gefährliche Versorgungslücke.
Die Entscheidung des Kreistages sei ein schwerwiegender Fehler mit erheblichen Folgen für den Schutz von Frauen in der Prostitution, kritisierte die Frauenhilfe. Dass im 650-Millionen-Euro-Haushalt des Kreises keine 36.600 Euro für den Schutz besonders gefährdeter Frauen vorhanden seien, sei „ein bedrückendes Signal“, sagte die Geschäftsführerin Birgit Reiche. Die Entscheidung träfe nicht die Trägerin, sondern „die Frauen, die auf vertrauliche, spezialisierte und niedrigschwellige Unterstützung angewiesen sind“.
„Tamar“ ist den Angaben nach das einzige Hilfeangebot für Prostituierte in der Region Südwestfalen. Die Beratung umfasst gesundheitliche und psychosoziale Fragen, Unterstützung bei Behördengängen und Begleitung beim Ausstieg.