Frauen im Handwerk: „Man braucht ein dickes Fell“

Vom rauen Ton auf der Baustelle bis zur Lehrwerkstatt: Immer mehr Frauen ergreifen handwerkliche Berufe und steigen zur Meisterin auf. Zwei Frauen in Niedersachsen zeigen, wie Handwerk auch weiblich sein kann.
Frauen im Handwerk: „Man braucht ein dickes Fell“
Installateur- und Heizungsbaumeisterin Jasmin Burghof im Campus Handwerk in Garbsen in Niedersachsen
epd-bild/Nancy Heusel

Mit dem Bauen von Vogelhäuschen hat es angefangen. Dann kam die Arbeit an einem Carport und die Erkenntnis: „Etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, das praktischen Nutzen und Bestand hat, ist einfach cool.“ Jasmin Burghof ging damals noch zur Schule. Ihr Großvater hatte eine Hobbywerkstatt. Er brachte ihr schon als Kind bei, wie man schnitzt und Dinge in Haus und Garten repariert. Das, sagt die heute 29-Jährige aus Hannover, habe ihre Berufswahl entscheidend geprägt: Nach dem Abitur machte sie eine Lehre im Bereich Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik - keine Selbstverständlichkeit für eine junge Frau in Deutschland.

Mittlerweile ist Burghof Installateur- und Heizungsbaumeisterin. Sie befasst sich mit Trinkwasserhygiene, Wärmebedarfsberechnung, Hydraulik, Lüftungstechnik - allerdings nicht auf Baustellen. Vielmehr unterrichtet sie angehende Gesellen und Meister. Seit 2021, kurz nachdem sie ihre eigene Meisterinnenprüfung abgelegt hatte, lehrt Burghof auf dem Campus Handwerk in Garbsen in Niedersachsen, einer Bildungseinrichtung der Handwerkskammer Hannover.

Chancen und Perspektiven für Frauen im Handwerk wachsen

Für diverse handwerkliche Berufe werden dort Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten. Weibliche Lehrlinge und angehende Meisterinnen aber sind selten, vor allem im Sanitär- und Heizungsbereich. Die Zahl der Frauen, die sie bislang unterrichtet habe, könne sie an einer Hand abzählen, erzählt Burghof. Dennoch ist sie zuversichtlich, dass künftig mehr Frauen die Branche für sich entdecken. Warum? „Sie werden gebraucht“, sagt die Dozentin.

Cornelia Beyer, Ausbilderin auf dem Campus Handwerk Hannover in Garbsen, im Bereich Elektrotechnik (epd-bild / Nancy Heusel)

Dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) zufolge machen Frauen ein Viertel der knapp 2,6 Millionen Beschäftigten in deutschen Handwerksbetrieben aus. Die Karrierechancen stehen gut: Nach Schätzungen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks mit Sitz in Berlin sind im Handwerk derzeit rund 200.000 Stellen unbesetzt. Frauen spielen demnach eine immer wichtigere Rolle in der Branche, um den Fachkräftenachwuchs zu stärken.

Steigender Meisterinnenanteil stärkt das Handwerk

So verzeichnet der Handwerks-Zentralverband seit einigen Jahren einen Anstieg von Frauen in bislang klassischen Männerdomänen wie Kraftfahrzeugtechnik oder Dachdeckerhandwerk. Zudem wollen Frauen vielfach mehr als nur den Gesellinnenstatus: Nach einer Erhebung des IW stieg der Frauenanteil unter den Meistern zwischen 2013 und 2024 von rund 13 auf gut 17 Prozent.

Für Burghof war es nicht einfach, als junge Frau Fuß zu fassen in einem Beruf, bei dem man in mehrfacher Hinsicht dem rauen Klima ausgesetzt ist, das auf Baustellen herrscht. „Man braucht ein dickes Fell“, sagt Burghof. In der Ausbildung hätten Arbeiter anderer Gewerke sie auf der Baustelle teils ignoriert, ihre Hinweise nicht ernst genommen und nach einem Mann gefragt. Ein Altgeselle habe ihr gesagt, Frauen seien auf dem Bau nicht zu gebrauchen, weil sie „zu emotional und nicht pragmatisch genug“ seien.

Handwerk bedeutet Miteinander trotz rauem Ton

Schlagfertig habe sie sein müssen, um derlei Sprüche zu parieren. Doch sie sagt auch: „Handwerk ist rau, aber ehrlich.“ Man könne fast jedem ins Gesicht sagen, was einem nicht passe, ohne dass er beleidigt sei. „Und dann funktioniert das Miteinander.“

„Ich wäre auf der Baustelle nicht klargekommen“, gesteht Cornelia Beyer. Auch sie ist Ausbilderin auf dem Campus Handwerk, im Bereich Elektrotechnik. Die 55-jährige Meisterin mit Schwerpunkt Automatisierungstechnik hat Anfang der 1990er Jahre in einem großen Unternehmen Industrieelektronikerin gelernt. Danach habe die Firma ihr einen Job als Telefonistin in der Störungsstelle angeboten.

Beyer ist sich sicher: „Einem Mann wäre das nicht passiert.“ Mittlerweile habe sich der Blick auf Frauen im Handwerk gewandelt. „Doch es gibt noch viel zu tun“, sagt die Mutter einer Tochter. Ein Beispiel sei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Teilzeitjobs seien bislang rar im Handwerk.

Handwerk-Influencerinnen zeigen neue Wege in traditionellen Berufen

Um weibliche Azubis zu gewinnen und Handwerkerinnen generell zu stärken, müsste aus Burghofs Sicht noch mehr Imagepflege betrieben werden. Dazu würden mittlerweile auch Handwerk-Influencerinnen beitragen, wie etwa Maurermeisterin Julia Schäfer, die auf Instagram als „tschulique“ mehr als eine Million Follower und Followerinnen hat. So eine Social-Media-Karriere sei zwar nichts für sie selbst, räumt Burghof ein: „Aber ich finde es immer gut, wenn andere Frauen das machen und den Männern zeigen, wo der Hammer hängt.“ 

👋 Unser Social Media