Jeder Mensch sollte sich nach Ansicht der Osnabrücker Rassismus-Forscherin Lisa Janotta mit eigenen rassistischen Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen und mit anderen darüber reden. Über Vorurteile im Dialog zu bleiben, könne helfen, Rassismus abzubauen und Räume für Entschuldigungen zu öffnen, sagte Janotta dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie erinnerte an mutmaßlich rassistische Beleidigungen auf Fußballplätzen wie jüngst in einem Spiel der Champions League. „Wir müssen darüber sprechen, warum ein Fußballer einen Gegenspieler nach einem Tor rassistisch beleidigt, anstatt seine eigene Leistung zu hinterfragen.“
Janotta: Rassismus ist mehr als individuelles Fehlverhalten
Zwar seien die meisten Menschen überzeugt, keine rassistischen Vorurteile zu pflegen. Das entspreche jedoch nicht der Realität, sagte die Professorin für Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Rassismusforschung an der Universität Osnabrück: „Rassismus ist nicht das Böse, der Dämon, der sich nur bei wenigen Menschen Bahn bricht.“ Rassismus sei ein Alltagsphänomen und komme im Denken und Fühlen jedes Menschen vor. Deshalb sei es wichtig, über seine Ursachen und Folgen zu sprechen und zuzuhören. „Um Entschuldigung bitten kann nur, wer anerkennt, dass der andere verletzt ist.“
Wie Privilegien Rassismus in der Gesellschaft fördern
Menschen verstünden sich immer als Angehörige von Gruppen und definierten, wer jeweils dazugehöre, erläuterte Janotta. „Dabei geht es immer auch um Machtausübung.“ Rassismus versuche, Menschen nach äußeren Merkmalen wie Hautfarbe, zugeschriebener Herkunft und Kultur oder unterstellter Religionszugehörigkeit in Gruppen einzuteilen und diesen bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. „Privilegierte Gruppen, also in der heutigen Gesellschaft weiße Menschen, können dann weniger privilegierten Gruppen, wie People of Color, soziale Anerkennung und Ressourcen verwehren.“ Diese würden ausgegrenzt und diffamiert.
Die Ursache für Probleme und Aggressionen in einer Gruppe werden Janotta zufolge bevorzugt in anderen Gruppen verortet. So projizierten manche Menschen soziale Spannungen in der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft auf die Gruppe der Muslime. „'Die Muslime' werden dann als einheitlich und nicht zugehörig definiert und ausgeschlossen.“
Kein Ort ist frei von Rassismus in unserer Gesellschaft
Rassismus könne sich in strukturellem Rassismus zeigen, erläuterte die Professorin. So hätten etwa Menschen „of Color“ oft einen schlechteren Zugang zu guter Gesundheitsversorgung, Wohnraum, Jobs, Führungspositionen oder guter Bildung. Aber auch auf der Straße, in der U-Bahn oder im privaten Bereich erlebten Menschen Rassismus. „Es gibt eigentlich keinen Raum, in dem es keinen Rassismus gibt.“
