Forscherin: “Rassismus ist ein Alltagsphänomen”

Die Rassismusforscherin Lisa Janotta hält es für wichtig, dass Politik und Gesellschaft sich mehr mit Rassismus auseinandersetzen. Die Professorin für Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Rassismusforschung an der Universität Osnabrück erklärt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), wie es zu rassistischem Denken und Handeln kommt und warum es wichtig ist, darüber im Gespräch zu bleiben.

epd: Frau Janotta, was genau ist Rassismus?

Lisa Janotta: Menschen verstehen sich immer als Angehörige von Gruppen und definieren, wer jeweils dazugehört. Dabei geht es immer auch um Machtausübung. Rassismus versucht, Menschen nach äußeren Merkmalen wie Hautfarbe, zugeschriebener Herkunft und Kultur oder unterstellter Religionszugehörigkeit in Gruppen einzuteilen und diesen bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. Privilegierte Gruppen, also in der heutigen Gesellschaft weiße Menschen, können dann weniger privilegierten Gruppen, wie People of Color, soziale Anerkennung und Ressourcen verwehren. Diese werden ausgegrenzt und diffamiert.

epd: Warum kommt es zu Rassismus?

Janotta: Tendenziell fühlen sich Menschen der eigenen Gruppe verbunden. Zugleich kommt es aber in jeder Gruppe zu Problemen und Aggressionen. Die Ursache dafür verortet niemand gerne bei sich selbst, sondern immer bei anderen. Wird der Schuldige innerhalb der eigenen Gruppe ausgemacht, wird dieser zum Außenseiter abgestempelt und ausgegrenzt. Die Ursache eines Problems kann aber von einer dominanten Gruppe auch ausgelagert werden in eine andere Gruppe. Beispiel: Manche projizieren soziale Spannungen in unserer heutigen christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft auf die Gruppe der Muslime. „Die Muslime“ werden dann als einheitlich und nicht zugehörig definiert und ausgeschlossen.

epd: Wo kommt Rassismus in unserer Gesellschaft vor?

Janotta: Rassismus kommt überall in der Gesellschaft vor. Es gibt eigentlich keinen Raum, in dem es keinen Rassismus gibt. Struktureller Rassismus etwa betrifft die Verteilung von Wohlstand, den Zugang zu guter Gesundheitsversorgung, zu Wohnraum, Jobs und Führungspositionen oder guter Bildung.

Menschen erleben aber auch Rassismus in Interaktionen im öffentlichen Raum, also in der U-Bahn oder auf der Straße, oder im Privaten. Rassismus kommt in unser aller Denken und Fühlen vor. Manche Menschen denken und handeln bewusst und offen rassistisch. Die meisten Menschen jedoch tun dies eher unbewusst und denken von sich, sie seien nicht rassistisch. Sie haben Angst, dass ihnen jemand genau dies vorwerfen könnte. Das macht es oft schwierig, sich wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Auch Menschen, die Rassismus-Erfahrungen machen, haben Rassismus verinnerlicht. Sie können entweder am Selbstwert und ihren Fähigkeiten zweifeln und leben in Angst. Oder sie geben Rassismus weiter und sprechen anderen, gesellschaftlich weniger privilegierten Gruppen die Zugehörigkeit zum „Wir“ ab.

epd: Warum ist es bedeutend, dass wir uns als Gesellschaft und als Einzelpersonen mit dem eigenen Rassismus auseinandersetzen?

Janotta: Die Auseinandersetzung mit eigenen rassistischen Gefühlen und Gedanken ist wichtig, um Rassismus abzubauen. Ich erinnere an das Statement von Vincent Kompany, den Trainer des FC Bayern München, zu den mutmaßlich rassistischen Beleidigungen gegen den Spieler Vinicius Junior von Real Madrid. Kompany hat gefordert, im Dialog zu bleiben und den Raum für Entschuldigungen zu öffnen. Wir müssen darüber sprechen, warum ein Fußballer einen Gegenspieler nach einem Tor rassistisch beleidigt, anstatt seine eigene Leistung zu hinterfragen. Rassismus ist nicht das Böse, der Dämon, der sich nur bei wenigen Menschen Bahn bricht. Rassismus ist ein Alltagsphänomen. Deshalb müssen wir immer wieder über seine Ursachen und Folgen sprechen und zuhören. Um Entschuldigung bitten kann nur, wer anerkennt, dass der andere verletzt ist.

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