Forscher widersprechen Flachrelief-These zu Turiner Grabtuch

Im Sommer hatte ein Forscher mithilfe einer 3D-Rekonstruktion erneut die These aufgestellt, dass das weltberühmte Turiner Grabtuch aus dem Mittelalter stamme. Experten widersprechen nun.
Forscher widersprechen Flachrelief-These zu Turiner Grabtuch
"Wer ist der Mann auf dem Tuch?", fragte schon die erste in Deutschland präsentierte Ausstellung zum Turiner Grabtuch im Malteser-Saal in Berlin-Charlottenburg (Archivbild vom 22.01.2015) - epd-bild / Christian Ditsch
Hat das Turiner Grabtuch lediglich eine Skulptur bedeckt? Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie eines brasilianischen 3D-Designers zweifeln drei renommierte Forscher nun vehement an. Die Studie stütze sich auf mehrdeutige Ziele, methodische Mängel und trügerische Argumentationen, schreiben Tristan Casabianca, Emanuela Marinelli und Alessandro Piana in einem veröffentlichten Kommentar für die Fachzeitschrift "Archaeometry". Der Forscher Cicero Moraes, der auf digitale 3D-Gesichtsrekonstruktion spezialisiert ist, hatte im vergangenen Sommer mithilfe einer teilweise digitalen Rekonstruktion des Tuchs in derselben Zeitschrift die These aufgestellt, das dessen sichtbare Kontaktpunkte mit einem Körper besser zu einem Flachrelief als zu einem Menschen passten. Daraus folgerte er, dass das Turiner Grabtuch aus dem Mittelalter stamme.

Turiner Grabtuch: Forscher kritisieren 3D-Analyse

Casabianca, Marinelli und Piana kritisierten, dass Moraes' Modellierung des Tuchs aus anatomischer Sicht unzureichend sei, da sie nur die Vorderansicht reproduziere, die Position von Händen und Füßen rechts und links vertausche und willkürlich von einer Körpergröße von 1,80 Meter ausgehe. Entscheidender sei jedoch, dass das Modell die wichtigsten Besonderheiten des Turiner Grabtuchs völlig außer Acht lasse, etwa die zahlreichen Bestätigungen von Blut darauf. Das seien Merkmale, die sich mit keiner künstlerischen Technik des Mittelalters vereinbaren ließen.
Das geheimnisvolle Tuch, von dem viele Christen glauben, dass es nach der Kreuzigung über Christi Leichnam gelegt wurde, gibt weiterhin Anlass zu Debatten. In einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift Archaeometry veröffentlicht wurde, untermauert der 3D-Designer Cicero Moraes die Theorie, dass das Grabtuch von einer Statue und nicht von Jesu Leichnam geschaffen wurde - Imago / Jam Press
Die Studie von Moraes vergesse zudem, dass verschiedene Varianten der Flachrelief-Hypothese bereits Anfang der 1980er Jahre in akademischen Zeitschriften untersucht und verworfen worden seien, so die drei Forscher. In seiner Antwort, die ebenfalls in der Zeitschrift veröffentlicht wurde, hielt Moraes an seinen Schlussfolgerungen fest.

Debatte um Datierung und Echtheit des Turiner Grabtuchs

Die Thesen des Basilianers hatten schon unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung für Debatten und Kritik gesorgt. Der Turiner Erzbischof, Kardinal Robert Repole, warnte etwa vor der Oberflächlichkeit bestimmter Schlussfolgerungen, die einer genaueren Prüfung oft nicht standhielten. "Der Hüter des Turiner Grabtuchs sieht keinen Grund, sich zu frei formulierten Hypothesen mehr oder weniger renommierter Wissenschaftler zu äußern", heißt es in der Stellungnahme des Kardinals. Das 4,40 Meter lange und 1,13 Meter breite Grabtuch von Turin gehört zu den meistuntersuchten archäologischen Objekten der Welt. Es zeigt Ganzkörper-Spuren eines gegeißelten und gekreuzigten Mannes. Ob es sich tatsächlich um Jesus handelt, ist umstritten. Zuletzt hatten italienische Forscher mit einer speziellen Röntgentechnik den Alterungsprozess der Fäden analysiert und festgestellt, dass es um die Zeit Christi vor etwa 2.000 Jahren hergestellt worden sei.

Katholische Kirche äußert sich zurückhaltend

Die katholische Kirche hat sich nicht offiziell zur Echtheit geäußert. Es ist daher keine Reliquie im strengen Sinne. Kirchenvertreter verweisen darauf, dass die Frage der Datierung für den Glauben nicht entscheidend sei. Das Tuch wird seit 1578 im Turiner Dom aufbewahrt und nur selten öffentlich gezeigt.

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