Eine Studie zeigt: Der frühere Bremer Dompastor Günter Abramzik soll gegenüber mindestens 17 Jungen sexuell übergriffig geworden sein. Darüber hinaus machen die Autoren der evangelischen Kirche schwere Vorwürfe.
Im Missbrauchsskandal um den gestorbenen Bremer Domprediger Günter Abramzik sind weitere Betroffene bekanntgeworden. Der prominente evangelische Geistliche (1926 bis 1992) soll gegenüber mindestens 17 Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren sexuell übergriffig geworden sein, wie das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung am Freitag mitteilte. Zudem warf es der Bremischen Evangelischen Kirche und der Domgemeinde Versäumnisse vor. Das sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut hatte den Fall im Rahmen der kürzlich vorgestellten bundesweiten Studie zu sexualisierter Gewalt für die evangelische Kirche näher untersucht und veröffentlichte nun seinen Abschlussbericht.
Abramzik war von 1958 bis 1992 Pastor am Bremer Sankt-Petri-Dom und galt als einflussreiche Persönlichkeit in der Hansestadt. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er bekannt, als er 1968 bei den sogenannten Bremer Straßenbahn-Unruhen zwischen rebellierenden Studenten und Senat vermittelte. 2010 hatte sich erstmals ein Mann bei der Kirche gemeldet, der angab, von Abramzik sexuell missbraucht worden zu sein.
Entgegen der bisherigen Darstellung der Kirche sei der Fall Abramzik zu keiner Zeit aufgearbeitet worden, erklärte das Institut. Stattdessen sei die Aufarbeitung über Jahre verschleppt und verzögert worden.
Der Betroffene, der sich 2010 gemeldet hatte, habe zwar den Umgang der Institution mit ihm als respektvoll empfunden, so die Forscher. Aber die Kirche habe weder die Öffentlichkeit informiert noch versucht, weitere Betroffene zu finden. Dies sei erst 2022 geschehen, nachdem Medien über den Fall berichtet hatten. Damals hatte die Kirche erklärt, sie sehe keine Versäumnisse in dem Fall.
Bei allen bislang bekannten Betroffenen handelt es sich dem Institut zufolge vorwiegend um Konfirmanden und Schüler einer Philosophie-AG eines Gymnasiums, die von Abramzik geleitet wurde. Ein Großteil der Taten sei in den 1970er Jahren verübt worden.
Die Forscher empfahlen der Bremischen Evangelischen Kirche eine weitere Aufarbeitung. Im Fall Abramzik müsse die Mitverantwortung der damaligen Kirchenleitungen in den Blick genommen werden. Darüber rieten sie, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche allgemein wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Dazu müsse sie zunächst weitere Betroffene aufrufen, sich zu melden.
Die Bremische Evangelische Kirche ist eine der kleinsten Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ihr gehören rund 160.000 Mitglieder in 61 Kirchengemeinden an.