Artikel teilen:

Forscher: Alten Eltern nicht zu früh zu viel abnehmen

Besorgte Kinder von älter werdenden Eltern fangen nach Einschätzung eines Psychologen oft zu früh mit “strengen Maßnahmen” an. Zugleich dächten ältere Menschen bisweilen zu lange, dass sie es noch alleine schaffen würden, sagte der Alternsforscher Uwe Kleinemas dem “Bonner General-Anzeiger” (Dienstag). Hilfreich könne es sei, das Thema frühzeitig “anzutippen” und Vertrauenspersonen hinzuzuziehen, etwa Geschwister der Eltern oder den Hausarzt.

Viele Menschen koste es Überwindung, jemand anderen um Hilfe zu bitten, gab der Experte zu bedenken. “Das ist manchmal für älter werdende Menschen eine neue Erfahrung, denn sie haben immer ganz selbstverständlich die anderen unterstützt.” Kinder könnten ihren Eltern sagen, dass diese das Recht darauf hätten, Hilfe von anderen zu erhalten, nachdem sie so viel für andere getan hätten.

Oftmals sei es ein Fehler, “den Eltern vorsorglich zu viel abzunehmen. Denn dann verlieren sie ihre noch vorhandenen Fähigkeiten umso schneller”, erklärte Kleinemas. Erwachsene Kinder fingen damit “aus Angst oder aus Fürsorge” oft zu früh an. Sinnvoller seien Angebote wie beispielsweise gemeinsam über Rechnungen zu schauen.

Wichtig sei zudem ein Gleichgewicht, fügte der Geschäftsführer der Bonner Zentrums für Alternskulturen hinzu. “Manchmal hat der ältere Mensch zwar zum Beispiel eine Gehbehinderung, aber er kann nach wie vor eine perfekte Hausaufgabenhilfe für Kinder sein.” Ein ausgewogenes Verhältnis von Geben und Nehmen könne es den Betroffenen erleichtern, notwendige Hilfe anzunehmen.

Um sich selbst nicht zu überlasten, könne man mit ambulanten Dienstleistern zusammenarbeiten oder mit Kurzzeit- oder Tagespflege, sagte Kleinemas. Es sei legitim zu sagen, “dass im Leben auch Raum für die eigene junge Familie oder für den Beruf bleiben muss”. Sonst drohe man in eine Lage zu kommen, in der man sich um niemanden mehr kümmern könne. Häufig machten einem diejenigen ein schlechtes Gewissen, “die sich um ältere Menschen ganz und gar nicht kümmern. Die gar keine Vorstellung haben, welche Belastung das ist, sondern einem sagen, dass man moralisch verpflichtet sei, sich zu kümmern. Von diesen Menschen muss man sich distanzieren, und zwar gründlich.”