Experten haben 50.000 Seiten Vernehmungsprotokolle, Gutachten und Anklageschriften untersucht. Was sind die häufigsten Motive für Tötungen an Frauen? Besitzdenken und Eifersucht. Die Kriminologen leiten Forderungen ab.
Die meisten Femizide - also geschlechtsbezogene Tötungen von Frauen - werden laut Kriminologen von eifer- und kontrollsüchtigen Partnern oder Ex-Partnern verübt. "Der Anlass für diese Taten war überwiegend, dass die Frau sich trennen wollte, schon getrennt hatte oder vermeintlich untreu war oder der Täter dies befürchtete", sagte Sabine Maier vom Institut für Kriminologie der Universität Tübingen am Donnerstag bei einer Pressekonferenz.
In zwei Dritteln der Fälle könne man bereits vor der Tötung von einem "systematischen Gewalt- und Kontrollverhalten der Täter" sprechen. Zu Tötungen komme es schließlich, wenn Männern klar werde, "dass sie ihre Macht- und Kontrollansprüche nicht mehr weiter durchsetzen können: Sie fühlen sich in ihrer Männlichkeit gekränkt und wollen gezielt Rache nehmen." Verletztem Besitzdenken folge "krasse Gewalt".
In der Studie heißt es, die Zahl der in der Polizeilichen Kriminalstatistik registrierten Tötungen an Frauen habe sich in den vergangenen zehn Jahren - entgegen der Aussage in vielen Medien - in Deutschland nicht erhöht. Maier sagte auf die Frage, ob man von einem Femizid pro Tag in Deutschland sprechen könne: "An jedem dritten Tag ist ein bisschen zutreffender."
Das Deutsche Institut für Menschenrechte weist allerdings darauf hin, dass Femizide derzeit nur annäherungsweise in Zahlen erfasst werden können. In einer umfangreichen Analyse des Menschenrechtsinstituts, die nächste Woche vorgestellt werden soll, ist eine hohe Zahl enthalten: Demnach wurden 827 Frauen und Mädchen in Deutschland im Jahr 2024 Opfer eines versuchten oder vollzogenen Tötungsdelikts.
Die jetzt vorgestellte Studie "Femizide in Deutschland" wurde von Tübinger Wissenschaftlern und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen erstellt. Sie untersuchten rund 50.000 Seiten Vernehmungsprotokolle, Sachverständigengutachten, Anklageschriften und Urteile zu 292 Fällen, die im Jahr 2017 als versuchte oder vollzogene Tötungen von Frauen in fünf Bundesländern in die Polizeiliche Kriminalstatistik eingingen: in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Nordrhein-Westfalen.
"197 der 292 analysierten Fälle erwiesen sich tatsächlich als versuchte oder vollendete Tötungsdelikte an Frauen", so die Studie. Der Rest waren "Fehlerfassungen, Körperverletzungen oder falsche Verdächtigungen". Bei 133 der 197 Tötungsdelikte an Frauen handelte es sich aus Sicht der Kriminologen letztlich um Femizide. Bei 64 Tötungen habe das Geschlecht der Frau "keine prägende Rolle für die Tat" gespielt.
Die Opfer bei Partner-Femiziden im Zusammenhang mit Trennung oder Eifersucht waren im Durchschnitt 40 Jahre alt, die Täter 45 Jahre. "Die Taten fanden in allen Gesellschaftsschichten statt", hieß es. Unter den Tätern waren beispielsweise ein Unternehmensberater und ein Erzieher. "Bei der Mehrzahl der Paare ging jedoch ein geringes Bildungsniveau mit einer ökonomisch eher angespannten Situation einher", hieß es.
Eine "Überrepräsentation migrantischer Personen" zeige sich "insbesondere in der Fallgruppe der Partner-Femizide im Zusammenhang mit Trennung oder Eifersucht", betonten die Experten. Hier hatte "nur knapp über die Hälfte (51 Prozent) der Täter eine deutsche Staatsangehörigkeit". Die Taten seien oft "Ausdruck patriarchaler Strukturen". Die Betroffenen hätten zudem meist kein soziales Auffangnetz, wenn es in der Beziehung krisele.
Medial große Aufmerksamkeit hätten Femizide bekommen, die als sogenannte "Ehrenmorde" bekannt wurden, hieß es weiter. "In der Realität ist diese Fallkonstellation selten und daher nur mit drei Fällen in der Studie vertreten", erläuterte der Kriminologe Wolfgang Stelly. "In zwei der drei Fälle brachte ein Vater seine minderjährige Tochter um. Die Konflikte eskalierten, als sich die Opfer in Männer verliebten, die nicht den Vorstellungen ihrer Väter entsprachen."
Mit Blick auf das Strafrecht empfehlen die Studien-Autoren eine juristische Reform der vorsätzlichen Tötungsdelikte, bei der auch "sexistische Beweggründe" als Mordmerkmal berücksichtigt werden könnten. Um die Forschung zu Femiziden zu verstetigen, wird zudem eine standardisierte, statistische Erfassung der Tötungsdelikte gefordert - ein "German Homicide Monitor" nach dem Vorbild des "European Homicide Monitors".