Fasten und Feiern: Warum wir beides brauchen

Feiern und Fasten gelten als Gegensätze. Dabei gehört in vielen Kulturen und Religionen beides untrennbar zusammen, wie die Worte Fastnacht und Fasten zeigen.
Fasten und Feiern: Warum wir beides brauchen
Das Fasten beginnt bei den Christen von Aschermittwoch nach Fasching bis Ostern - Imago / Bihlmayerfotografie
In diesen Tagen zeigt sich erneut ein Riss, der durch unsere Gesellschaft geht: Da sind die, die Karneval, Fastnacht oder Fasching lieben. Und die, die diese „fünfte Jahreszeit“ kalt lässt, ja nervt. Dabei fällt auf, dass auch in unserer säkularisierten Gesellschaft die Hochburgen von Jecken vor allem in den Gegenden liegen, die mehrheitlich katholisch sind. Selbst im überwiegend protestantisch geprägten Norddeutschland sind die karnevalistischen Inseln meist durch Zuzüge von Katholiken entstanden. Warum ist das so? Eine Antwort darauf bekam ich, als unsere damalige evangelische Kleinstadtgemeinde von der katholischen Pfarrgemeinde im Ort zum Rosenmontag eingeladen wurde. Der Priester, als Teufelchen verkleidet, meinte: „Wir feiern ausgelassen, weil wir auch das Fasten ernst nehmen.“ Feiern und Fasten gehören für ihn untrennbar zusammen. Und das nicht nur im Blick auf Karneval, diesem Abschiedsfest von fleischlichen Genüssen jeglicher Art (carnem levare: „Fleisch wegnehmen“). Auch die folgende vierzigtägige Abstinenz, unterbrochen nur von den Sonntagen, ist kein Verzicht um des Verzichts willen – es ist die Vorbereitung auf Ostern, größtes Fest der Christenheit. Und in vielen katholischen Familien ist jeder Freitag ein Tag ohne Fleischmahlzeiten, in Erinnerung an Karfreitag und als Vorbereitung auf das Fest der Eucharistie am Sonntag.

Protestanten lehnten Fasten einst ab

Jahrhundertelang galt dieses „feste Feiern, feste Fasten“ als typisch katholisch, hatten doch die Reformatoren mit dem Kampfruf „Allein Gottes Gnade“ das Fasten als Weg, sich die Seligkeit zu erarbeiten, abgelehnt. Damit gerieten auch ausgelassene Feste in Verruf. Doch seit ein paar Jahrzehnten wird das Fasten in der evangelischen Kirche wiederentdeckt – auch wenn beim Feiern noch etwas Nachholbedarf besteht. Mit gesamtgesellschaftlichen Fastenzeiten, aber auch mit ausgelassenen Festen den Alltag zu unterbrechen, gehört seit Jahrtausenden zur Kulturgeschichte der Menschheit und findet sich in den meisten Religionen. Selbst der Brauch, bei diesen Feiern die starren gesellschaftlichen Hierarchien und Konventionen aufzubrechen wie beim Karneval, ist uralt. So berichtet eine altbabylonische Inschrift aus dem 3. Jahrtausend von einem siebentägigen Fest zu Ehren einer göttlichen Hochzeit am Beginn des neuen Jahres. In dieser Zeit hatte alle Arbeit zu ruhen, die Sklaven waren der Herrschaft gleichgestellt. Im Römischen Reich wurden drei Tage im Dezember Umzüge und öffentliche Gelage zu Ehren des Gottes Saturn veranstaltet, Sklaven und Herren tauschten ihre Rollen, während ansonsten weithin das Ideal der Mäßigung galt. Belegt ist aus Alt-Ägypten ein rauschendes Fest zu Ehren der Göttin Isis, aber auch eine allgemeine Fastenzeit, in der Fischgerichte tabu waren. In der Bibel dagegen ist Fasten eher als individuelle Praxis überliefert. So fastet König Saul am Bett eines seiner totkranken Söhne. Jesus zieht sich für 40 Tage fastend in die Wüste zurück, um sich auf seine Mission vorzubereiten. Als allgemeiner Fastentag ist in der Thora nur Jom Kippur, der Versöhnungstag, festgelegt. Später kamen im Judentum auch andere Fastentage wie der Gedenktag an die Zerstörung des Tempels dazu, aber auch ausgelassene, manchmal ausufernde Feiern wie das Laubhüttenfest oder das dem Fasching ähnliche Purimfest, wo die sonst geltenden Konventionen aufgehoben waren, sind entstanden.

Enthaltsamkeit für Christen kein Thema

Dem frühen Christentum waren solche rauschenden Festtage, die für eine kurze Zeit alles auf den Kopf stellen, fremd. Vielleicht, weil es vom Wesen her egalitär war, auch wenn der Apostel Paulus daran erinnern musste: „Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“ Gemeinsam, so jedenfalls das Ideal, wurde jeden Sonntag das Herrenmahl gefeiert. Auch gemeinsame Zeiten der Enthaltsamkeit waren für Christen zunächst kein Thema, klang doch die Mahnung Jesu in der Bergpredigt nach: „Wenn du fastest, salbe dein Haar und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest …“ Jesus, wie ihn die Evangelien überliefern, war kein Asket. Seine erste Zeichenhandlung war die Verwandlung von Wasser in Wein bei einer Hochzeit. Und das Reich Gottes, das er verkündete, beschrieb er als Festmahl, zu dem alle eingeladen sind. Darum war das frühe Christentum zunächst skeptisch gegenüber dem Fasten als Heilsweg. Zudem grenzte es sich so gegen die antike Umwelt ab, in der asketische Praktiken in Kulten und in der Philosophie weit verbreitet waren.

Eremiten wollten Gott nahe sein

Doch schon im 3. Jahrhundert nach Christus verbreitete sich vor allem in Syrien und Ägypten das Ideal des Eremiten, der sich in die Einöde zurückzog, um dort Gott besonders nahe zu sein. Und dies nicht nur wie Jesus für eine begrenzte Zeit, sondern als Lebensaufgabe. Hier nahm das christliche Mönchstum mit seinen strengen Regeln und dem Ideal der Enthaltsamkeit seinen Anfang. Und je mehr das Christentum zu einer anerkannten Religion wurde und damit die Verfolgungen aufhörten, um so attraktiver wurde diese Lebensweise für Menschen, die eine radikale Christusnachfolge leben wollten. Als Träger und Verbreiter des Christentums in den folgenden Jahrhunderten prägte das Mönchstum auch die Rituale im geistlichen Leben der Gemeinden. Und damit das Zusammenspiel von Festen und Fasten als zwei Seiten, sich Gott zu nähern. Besonders augenfällig wird diese doppelte Bewegung im Islam: Der Ramadan ist ein Monat der Enthaltsamkeit. Zugleich ist er ein Festmonat: Der Tag ist ohne Essen und Trinken zu überstehen. Doch mit Einbruch der Dunkelheit wird in der Gemeinschaft das Fasten gebrochen und gefeiert – bis diese Zeit im großen Fest endet.

Mittlere Lebensweise im Buddhismus

Auch im Hinduismus findet sich diese Doppelbewegung: Seine öffentlichen Feste sind farbenfroh: Divali als Lichterfest, Holi als Frühlings- und Farbenfest. Parallel gibt es Pilgerwege, Formen der Selbstdisziplin und Enthaltsamkeit. Der Buddhismus gleicht da eher dem frühen Christentum und dem Protestantismus: Er bevorzugt „die mittlere Weise“, das Leben ohne bacchantische Feste, aber auch ohne strenge Askese. Hatte doch Buddha selbst den extremen Verzicht erprobt und ihn als Irrweg verworfen. Die meisten Religionen und Kulturen leben eine rituelle Unterbrechung des Gleichmaßes. Denn beim Fasten wird die Seele offener für die Stimme des Göttlichen und das Gewohnte, scheinbar Alltägliche, wieder kostbar. Und Feste im religiösen Jahreslauf erinnern daran, dass die göttliche Wirklichkeit größer ist als das alltägliche Leben mit seinen Mühen. Damit sollen sie Kraft spenden für die Mühen der Ebene, auch wenn es bald wieder heißt: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei."
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Ein Beitrag von:

Angela Wolf

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