Eine 30-Jährige mit starkem Übergewicht - das erklären sich viele Leute mit "zu viel Essen, zu wenig Sport". Auch in der Medizin sind andere mögliche Ursachen offenbar zu wenig bekannt. Die Folgen können dramatisch sein.
Vor allem jungen Frauen droht nach Worten von Fachleuten eine medizinische Unter- und Fehlversorgung: Davor warnt die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin. "Die Gendermedizin befindet sich trotz allem Fortschritt noch im Mittelalter", sagte die Vorsitzende der Fachgesellschaft, Dagmar Führer-Sakel. Auch Faktoren wie das Alter von Patientinnen und Patienten spielten für den Krankheitsverlauf und die angemessene Behandlung eine wichtige Rolle. Diese Individualität müsse stärker berücksichtigt werden.
Die Sprecherin der Kommission Geschlechtersensible Medizin in der Fachgesellschaft, Petra Schumm-Draeger, erklärte, es gehe dabei keineswegs um Nachteile für Männer. Sie nannte ein Beispiel: Derzeit stiegen bei Frauen zwischen 30 und 35 Jahren - also weit vor der Menopause - die Fälle von Übergewicht, Adipositas und Insulinresistenz: All dies sind Risikofaktoren für Diabetes. Insulinresistenz ist eine Stoffwechselstörung, bei der Betroffene schwer abnehmen können.
Wenn Frauen indes vor der Menopause an Diabetes erkrankten, erhöhe sich ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen so drastisch, dass ein - andernfalls vorhandener - "genetischer Vorteil" gegenüber Männern verloren gehe, erklärte die Expertin. Dies sei vielen Ärztinnen und Ärzten nicht bewusst - dabei brauche es frühe Diagnosen, um rechtzeitig und konsequent behandeln zu können.
Das Thema müsse in der Politik ankommen, mahnte Schumm-Draeger. Neben einem breiteren Bewusstsein müsse es konkret auch in der medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung verankert werden.
Ute Seeland, die an der Universität Magdeburg die entsprechende Sektion leitet, forderte zudem mehr Forschung zum weiblichen Körper sowie Professuren für Gendermedizin. Bislang seien Umbruchphasen wie die Pubertät überwiegend an jungen Männern untersucht worden, sodass es in der Forschung ein Ungleichgewicht bestehe ("Gender Data Gap"). Ebenso sei die Perimenopause, also Vorstufen zur Menopause, die sich schon früh im Leben bemerkbar machen können, vielen Menschen kaum bekannt. - Im April wird es beim Kongress der Fachgesellschaft in Wiesbaden ebenfalls um dieses Thema gehen.