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Expertinnen: Viele Missverständnisse zu Adipositas – genau hinsehen

Selbstliebe ja – Krankheiten zu beschönigen, sehen Fachleute aber als Gefahr. Bei adipös erkrankten Menschen könne “Body Positivity” ebenso schaden wie Stigmatisierung – komme jedoch sogar durch Fachkräfte vor.

Adipositas lässt sich nach Worten einer Psychiaterin nicht mit Sprüchen wie “iss einfach weniger” oder “beweg dich mal mehr” heilen. Es handele sich um ein eigenständiges Krankheitsbild, sagte Birgitta Albers am Mittwoch in Oberhausen. Sie äußerte sich bei einer Fachtagung zum Thema “Psychosomatik im Fokus – Seele programmiert Körper”. In diesem Zusammenhang betrachte sie “Body Positivity” als Selbstbetrug.

Erkrankte seien in einer komplett anderen Situation als Menschen, die etwa nach einem Urlaub oder nach den nahenden Feiertagen ein wenig zugelegt hätten. Diese Gewichtszunahme verliere sich meist schnell, sagte Albers. Adipositas-Betroffene nähmen durch Diäten mitunter auch ab, hätten danach aber unbewusst das Gefühl, dass sie nun Essen nachholen müssten.

Fachleute sprechen von “Food Noise”, wenn die Gedanken – insbesondere abends – verstärkt ums Essen kreisen. Ein Warnzeichen sei auch immer, wenn der Körper signalisiere, dass es ihm nicht gut geht – etwa durch Schmerzen im Knie oder immer weniger Belastbarkeit im Alltag. “Um dies wahrzunehmen, muss man aber hinsehen”, so die Expertin.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Adipositas als “übermäßige” Vermehrung von Körperfettgewebe, die ab einem Body Mass Index von über 30 vorliegt. In Deutschland ist die Erkrankung ab 2020 als eigenständig anerkannt. Neuere Angebote wie “Abnehmspritzen” oder chirurgische Therapie seien “nur eine Krücke”, sagte Psychiaterin Kyriakoula Manaridou.

Entscheidend ist laut Albers die Frage, welche Funktion die Nahrungsaufnahme für Betroffene hat. Viele ihrer Patientinnen und Patienten seien traumatisiert und nähmen ihre Figur als eine Art Schutzpanzer wahr, auch wenn sie rational wüssten, dass diese Haltung dysfunktional sei.

Häufig betroffen seien auch Menschen mit Migrationshintergrund. Betroffene aus afrikanischen, asiatischen oder osteuropäischen Ländern berichteten, dass es hierzulande viel mehr Süßigkeiten gebe; auch die brotlastige Ernährung seien sie oft nicht gewöhnt und nähmen binnen kürzester Zeit 10 bis 15 Kilo zu. Grundsätzlich gebe es zwei Typen: Die einen griffen unwillkürlich zu Süßigkeiten, vor allem Schokolade, die anderen zu Chips und Fastfood – “leeren Kalorien”, so Albers.

Um wirklich etwas zu verändern, brauche es einen Blick auf den Lebensstil, idealerweise mit therapeutischer Begleitung. “Wenn man jemandem, der unsportlich ist und sich nicht gern bewegt, einfach sagt, er solle Sport machen, ändert sich nichts. Dann geht derjenige höchstens zwei Mal ins Fitnessstudio”, erklärte Albers. Man müsse etwas finden, worauf die Person selbst Lust hat – das gelte genauso für Essgewohnheiten und Entspannungstechniken. Allerdings bekämen sie sogar Überweisungen von medizinischen Fachkräften, auf denen stehe, der oder die Betroffene esse einfach zu viel.

Ernährungsberatung hätten Betroffene oft schon versucht. Es sei “lächerlich”, dass die Kassen davon höchstens drei Sitzungen übernehmen, kritisierte Manaridou.