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Expertinnen: Sterbewunsch auch bei Doppelsuiziden einzeln prüfen

Der Tod der Kessler-Zwillinge wirft Fragen auf. Fachleute verlangen klare Regeln für gemeinsame Suizide – etwa von Ehepaaren. Was Organisationen prüfen sollen.

Nach dem assistierten Suizid der Kessler-Zwillinge sprechen sich zwei Expertinnen für klare Rahmenbedingungen bei Doppelsuiziden aus. Die Leiterin der Arbeitsgruppe Suizidprävention an der Universität Ulm, Nathalie Oexle, fordert, dass Sterbehilfe-Organisationen genau hinschauen, wenn beispielsweise ein Ehepaar gemeinsam sterben wolle. Es sei wichtig, dass ein Partner keinen Druck auf den anderen Partner bei der Entscheidung ausgeübt habe. Das müsse durch ein Gutachten sichergestellt werden, sagte Oexle der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Ein Doppelsuizid dürfe nicht nur aus Loyalität heraus geschehen, betonte Supervisorin und Trainerin Marlene Henken. “Die wichtigste Rahmenbedingung ist, dass man die Partner unabhängig voneinander befragt, was sie wollen”, sagte die Trauerbegleiterin, die vor Jahren einen Hospizdienst in Köln aufgebaut hat.

Ihrer Ansicht nach wollen Menschen gemeinsam sterben, um nicht alleine zurückzubleiben. “Weil sie sich einfach sehr verbunden fühlen, weil nicht einer der Hinterbliebene sein möchte.” Henken sprach sich für eine professionelle Zusammenarbeit zwischen Hospiz- und Palliativarbeit sowie Sterbehilfe-Organisationen aus, um proaktiv die Möglichkeiten der Sterbebegleitung anbieten zu können und um die Hinterbliebenen angemessen zu begleiten.

Am Montag war bekannt geworden, dass die berühmten Zwillinge Alice und Ellen Kessler im Alter von 89 Jahren gestorben sind. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) bestätigte, dass es sich um einen assistierten Suizid gehandelt habe. Der Verein hat laut eigener Angaben seit Mai 2020 fast 2.000 Menschen beim assistierten Suizid begleitet. Unter den 623 Fällen im Jahr 2024 waren 38 Doppelbegleitungen, also 76 Menschen. Für das laufende Jahr rechnet die DGHS mit etwas mehr als 700 Fällen.