Verschwundene Lebensmittel aus dem Familien-Kühlschrank, Duftspray im Badezimmer, häufiges Wiegen: All dies kann nach Worten von Expertinnen auf eine Essstörung bei Heranwachsenden hindeuten. Das Gespräch sollten Eltern suchen, wenn sie merkten, dass es ihrem Kind nicht gut gehe, sagte die Psychologin Tanja Legenbauer am Donnerstagabend. Sie äußerte sich bei einem Livetalk der Zeitschrift “Psychologie Heute”.
Über bestimmte Essstörungen sei immer noch wenig Wissen verbreitet, kritisierte Familientherapeutin Nicola Hümpfner. Ein Beispiel dafür sei die “Binge-Eating-Störung”: Sie werde im Schnitt deutlich später behandelt als viele andere Erkrankungen, und Betroffene hörten mitunter selbst von Ärztinnen und Ärzten, sie bräuchten nur mehr Disziplin. Dabei handle es sich um eine ernsthafte psychische Erkrankung. Betroffene leiden unter wiederkehrenden Essanfällen, die unabhängig von Hungergefühlen auftreten.
Zudem gebe es atypische Essstörungen oder “Zwischendiagnosen”, betonte Hümpfner. Als Faustregel gelte: “Wenn jemand unter seinem Essverhalten leidet, sollte man es sich genauer anschauen.”
Man könne nicht den einen Auslöser für Essstörungen benennen, sagte Legenbauer. Psychische Erkrankungen könnten die Anfälligkeit erhöhen, aber auch bestimmte Denkmuster wie Perfektionismus oder eine genetische Veranlagung. “Wenn äußere Stressoren hinzukommen, können sie ein Auslöser werden”, so die Expertin. Dies habe sich während der Corona-Pandemie gezeigt, aber auch die Trennung der Eltern, ein Todesfall oder Streit im Freundeskreis könnten diese Wirkung haben.
In Therapien gehe es zunächst darum, dem Essen wieder eine Struktur zu geben, sagte Hümpfner. Die Eltern einzubeziehen, sei insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sinnvoll, aber auch bei jungen Erwachsenen. “Die Funktion einer Essstörung herauszufinden, ist Aufgabe von Therapeuten. Aber das Kind bedingungslos lieben und begleiten – das können nur Eltern.”
Viele Eltern überdächten in diesem Zusammenhang auch ihr eigenes Essverhalten oder ihren Umgang mit Konflikten, ergänzte die Therapeutin, die in München das Versorgungszentrum für Essstörungen ANAD leitet. Sorge um das betroffene Kind sei ebenso verständlich wie Ärger oder Schuldgefühle. Allerdings: “Das Kind am Tisch anzuschreien, bringt gar nichts.”