“Isso”, sagt man im Ruhrgebiet. Ein Psychiater mahnt jedoch, gängige Vorstellungen von Normalität zu hinterfragen. Wer Unwohlsein oder Krankheitszeichen ernstnehme, könne zudem Raum für Neuanfänge finden.
Hinter vielen Krankheitssymptomen steckt nach Worten eines Psychiaters etwas, das es zu verstehen gilt. Sie könnten auch auf gesellschaftliche Missstände hindeuten, sagte Walter Machemes am Mittwoch in Oberhausen. Er äußerte sich beim Fachtag des Gezeiten Hauses zum Thema “Psychosomatik im Fokus. Seele programmiert Körper”.
Die Gesellschaft wiederum programmiere die Seele, fügte der Chefarzt hinzu. Besonders heikel seien Übergangsphasen: So entwickelten viele Menschen etwa beim Übergang von der Schule zum Studium oder vom Studium zum Beruf erstmals Angstsymptome, weil sie nicht wüssten, was sie erwarte. Der erlebte Verlust von Struktur und Sinnhaftigkeit sei in der Regel vorübergehend – dennoch gelte es, in diesen Momenten genau hinzusehen. Insofern brauche es mehr Augenmerk für soziale Aspekte von Gesundheit: Bei Schmerzen, Angst oder depressiven Symptomen sei die wichtigste Frage, ob der oder die Betroffene eine Ahnung habe, was dahinterstecken könne.
Die “erste Krankheit des Systems” sei die Orientierungslosigkeit, sagte Machemes weiter. Dies zeige sich in der Politik, etwa bei Friedensverhandlungen oder der Rentendebatte. Wenn dieses Gefühl jedoch die Einzelnen befalle, führe es zu Erkrankungen. Hinzu kämen enttäuschte Erwartungen, der Verlust von Sicherheiten und Identitätskrisen. Statussymbole machten niemanden gesund, doch Menschen stellten zunehmend ihren “Marketing-Charakter” nach vorn, um sich beispielsweise im Beruf unverzichtbar zu machen: Konkurrenz und Konsum seien zu kaum hinterfragten Regeln der Gesellschaft geworden.
Darüber hinaus lasse sich ein gesellschaftliches Erstarren in Ritualen beobachten, beklagte der Mediziner. Auch dies könne zum Schmerzsyndrom, Bluthochdruck oder anderen psychosomatischen Belastungen beitragen. Gefährlich werde es, wenn Menschen so etwas unterdrückten: “Daher gilt es, loszulassen, sich zu fragen: Was stört mich im Leben? Was möchte ich loswerden?” Viel zu früh werde in vielen Fällen unterstellt, dass psychisch erkrankte Menschen “nur nicht arbeiten” wollten – dabei mache mitunter das System krank, in dem sie lebten.