Unveränderte Trauer oder chronische Verstimmung: Depressionen können nicht nur verschiedenste Menschen treffen, sondern sich auch unterschiedlich äußern. Fast immer hilft jedoch eine frühe Diagnose, betonen Fachleute.
Depressionen früh erkennen und behandeln - um das zu ermöglichen, braucht es aus Sicht des Vertreters der European Depression Association in Deutschland, Detlef Dietrich, weiterhin Aufklärung. "Es kann eine schwere Erkrankung sein, die aber trotzdem gut behandelbar ist", betonte der Mediziner am Donnerstag. Er äußerte sich vor dem Europäischen Depressionstag am Sonntag.
Dietrich verwies auf Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation WHO: Von allen Krankheiten gehen demnach die meisten Jahre mit Beeinträchtigung auf das Konto von Depressionen. Dies hänge damit zusammen, dass depressive Symptome oft sehr lange anhielten. Zu den Kernsymptomen zählen demnach niedergedrückte Stimmung, der Verlust von Interesse, ein verminderter Antrieb sowie Anhedonie, also die Unfähigkeit, Freude oder Vergnügen zu empfinden. Für eine Diagnose müssen mindestens zwei davon mindestens zwei Wochen lang vorliegen.
Zudem seien vielen Menschen die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Depressionen kaum bekannt, ergänzte der Experte. Besonders häufig werde hierzulande die rezidivierende, also wiederkehrende depressive Störung diagnostiziert, die in leichter, mittelgradiger oder schwerer Ausprägung auftrete. Unter einer reaktiven Depression seien dagegen zum Beispiel verlängerte Trauer oder andere Schwierigkeiten im Umgang mit äußeren Umständen zu verstehen.
Die sogenannte Dysthymie meine indes eine chronische depressive Entwicklung, bei der sich einzelne Episoden kaum erkennen lassen. Auch tauchten Depressionen oft als Begleiterscheinung anderer psychischer oder körperlicher Erkrankungen auf. Ein Risikofaktor sind nach Worten des Psychologen Alexander Karabatsiakis chronische Belastungen, auch Kindheitserfahrungen wie Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung. Zusammenhänge mit neueren Viruserkrankungen wie Corona oder auch Long und Post Covid würden derzeit untersucht.
Die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther sprach von einer "stillen Epidemie" durch psychische Erkrankungen und Suizidalität. Das Hilfssystem könne dem Bedarf "nicht überall umfassend und passgenau" gerecht werden, kritisierte die Psychiaterin.
Eine wichtige Rolle spielten in diesem Zusammenhang auch Soziale Medien, insbesondere bei jüngeren Menschen. Weltweit zeigten elf Prozent der Kinder und Jugendlichen ein suchtartiges Nutzungsverhalten. "Das verhindert echte Begegnungen", mahnte Kappert-Gonther. Ihrer persönlichen Meinung nach sollten die Plattformen erst ab einer bestimmten Altersgrenze zugelassen werden.
Der Bundestag berät derzeit über mögliche Regulierung von Smartphone und Social Media. Manche Bundesländer haben zum neuen Schuljahr ein Handyverbot erlassen. Die Nationalakademie Leopoldina hat zuletzt empfohlen, Apps wie Instagram und Tiktok erst ab 13 Jahren zu erlauben.