Ewige Ruhe oder Freizeitpark

Akademische Vorlesungen auf dem Hauptfriedhof Konstanz

Der Hauptfriedhof Konstanz hat schon viele Menschen kommen und gehen sehen. Nicht nur Bestattungsunternehmen, Gärtner und Angehörige kümmern sich um das weitläufige Gelände mit den vielen Bäumen. An einem kühlen Mittwochabend gesellt sich eine ungewohnte Gruppe dazu: Sie hört dem Historiker Uwe Brügmann zu, der zu den profundesten Kennern des größten Friedhofs der Stadt gehört.

Die Zuhörerschaft ist gemischt. Man sieht Studentinnen mit rosa Strähnchen ebenso wie Pensionäre in Wanderschuhen sowie bekannte Gesichter, die keinen Kurs an der Volkshochschule auslassen. Brügmanns Führung über die Kieswege hin zu Grabmalen hat ein akademisches Vorzeichen: Sie ist Auftakt einer Reihe der Universität Konstanz mit der Überschrift „Gräberfeld und Joggingparcours. Aufgaben und Nutzungsformen von Friedhöfen in der Moderne“.

Nun sind alte Friedhöfe mit ihren Grabmälern aus der Gründerzeit schon lange ein Ziel von kulturhistorischen Exkursionen. Alte Grabstätten werden nicht aufgehoben, wenn ihnen das Prädikat „Denkmal“ zugesprochen wird. In Konstanz sind es 110 Felder, die mit dieser kommunalen Ewigkeitsgarantie versehen sind. Die hervorgehobenen Gräber sind unterschiedlich gestaltet und belegt. Die Toten, derer dort gedacht wird, reichen vom stadtbekannten Fabrikanten bis zum ehemaligen Ortsgruppenleiter der NSDAP. Wenn das Gräber- und Urnenfeld dann noch von Bäumen beschattet wird, scheint das ein idealer Ort fürs Gedenken und Nachdenken zu sein.

An diesem windigen Abend freilich beginnt etwas anderes: Das Spannungsfeld soll ausgelotet werden zwischen Grab und Grabbesuchern. Der eigentliche Zweck von Friedhöfen ist das eine - das Verhalten seiner vielen Besucher das andere. Taugt dieses ehrwürdige Gelände als Freizeitstätte? Für Sportler zum Beispiel, die die gepflegten Wege für ihr morgendliches Training nutzen? Die Friedhofsordnung verbietet die Mitnahme von Fahrrädern, Joggen dagegen ist nicht ausdrücklich verboten.

Auch Uwe Brügmann hat kein Problem damit, wenn das Wegenetz des Gottesackers für sportliche Unternehmungen genutzt wird. Er sagt: „Das hat sich gewandelt. Wenn Leute das machen, warum nicht?“

Die Idee für die ungewöhnliche akademische Exkursion ging vom Leiter der Konstanzer Friedhofsverwaltung, Daniel Hepfer, aus. An der Universität Konstanz fand er schnell die richtigen Ansprechpartner. Das Team „Transfer in der Lehre“ nahm die Idee auf und will sie im Lauf des Semesters zur sommerlichen Reihe entwickeln.

Entscheidend ist, dass alle Vorträge am Hauptfriedhof stattfinden. Das hat zwei Vorteile: Der Ort besitzt eine Aura, die kein Hörsaal bieten kann. Und Anschauungsmaterial steht überall bereit und ist zudem authentisch.

Die Volkswirtin Sibylle Mühleisen und der Medienwissenschaftler Albert Kümmel-Schnurr bilden das kleine universitäre Team, das spannende Inhalte in die Breite vermitteln will. Die Reihe mit insgesamt acht Führungen will das Thema „Tod und Alltag“ aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Mit dabei ist etwa ein Konstanzer Brauchtumsforscher, der über einen ungewöhnlichen Brauch an Fasnacht sprechen wird, der mit dem Friedhof zu tun hat.

Mit einem Jogger, der den Friedhof trabend durchquert, hat auch Sibylle Mühleisen kein Problem. „Ich finde es gut, wenn Leben und Tod näher zusammenrücken“, bemerkt sie zur erweiterten Nutzung des Ruheorts. Während sie das sagt, trottet ein Schäferhund mucksmäuschenstill mit seiner menschlichen Begleitung gemächlich über den Kiesweg. (0976/29.04.2025)

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