Eine hübsche Burg: Die Stadt Trencin im Nordwesten der Slowakei wird oft auf ihr Wahrzeichen reduziert. Doch Europas Kulturhauptstadt 2026 hat viel mehr zu bieten.
“Trencin 2026” – noch trägt das Logo der diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt eine schützende Schneehaube. Und auch sonst scheint es, als läge die westslowakische Stadt noch im Winterschlaf. Doch das soll sich bald ändern, wenn Mitte Februar mit einem dreitägigen Fest der Startschuss für das Kunst- und Kulturjahr fällt.
Mit dem Kulturhauptstadt-Titel, den sich Trencin mit dem finnischen Oulu teilt, haben die Verantwortlichen das Ziel hoch gesteckt: Vor allem für die jüngere Generation soll die 55.000-Seelen-Gemeinde wieder ein attraktiver Ort zum Leben werden. “Das ist eines unserer Hauptziele”, erzählt Projektleiter Stanislav Krajci. Dem Kulturmanager zufolge zähle die Region um Trencin zwar zu einer der reichsten und am besten erschlossenen des Landes. “Gleichzeitig haben wir Wien, Bratislava und Brünn vor der Haustür. Daher ist die Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte ein Thema, das wir anpacken müssen.”
Das Kulturjahr soll die Bewohnerinnen und Bewohner neu mit ihrer Stadt verbinden. Ja, auch hohe Kunst spiele bei Ausstellungen und Konzerten eine Rolle, sagt Krajci. Doch noch wichtiger sei die Teilhabe der Menschen vor Ort: Supermarktmitarbeiter etwa oder Schüler, die zu Laienschauspielern werden und sogar selbst Regie führen. “Wir wollen sie so weit bringen, dass sie stolz auf ihre Stadt sind, dass sie eine Verbindung spüren.”
Fast nirgendwo in Trencin entkommt man dem Anblick der Burg, die als mittelalterlicher Wächter über der Stadt thront. Im Burgfelsen findet sich eine römische Inschrift aus dem zweiten Jahrhundert. Sie berichtet vom Sieg der Römer über die Germanen im heutigen Trencin und ist nur von der Terrasse des Hotel Elizabeth aus sichtbar, einer weiteren Lokalberühmtheit. Später kamen die Slawen in die Region, und Trencin wurde Teil des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs.
Diese historische Vielfalt ist bis heute erhalten. “Aber sie ist gut versteckt”, gesteht Krajci. Viele Einflüsse wurden von den sozialistischen Machthabern ausgelöscht oder unterdrückt. Zum Beispiel das Erbe der deutschen Minderheit, der Karpatendeutschen, deren Nachfahren noch verstreut um Trencin leben. Ähnliches gilt für die jüdische Gemeinde, die heute nur noch etwa 60 Mitglieder zählt. Rechtzeitig zum Kulturjahr konnten sie ihre Synagoge im Herzen Trencins renovieren. “Wir haben nicht gewagt zu hoffen, dass uns das gelingt”, sagte die Gemeindevorsitzende Olga Hodalova dem Radiosender Ö1.
Bei der Wiederbelebung der Vielfalt soll auch die Kunst helfen. Ein gemeinsames Projekt von Künstlern trägt den Namen “Destination All-inclusive”: Fünf geplante Wandmalereien sollen in der Trencin-Region das Leben von Minderheiten erzählen.
Evolutionär, nicht revolutionär. So lautet Kulturhauptstadt-Direktor Krajci zufolge die Herangehensweise von “Trencin 2026”. Altes wird mit Neuem verwoben. Das gilt etwa für das Vorzeigeprojekt des Kulturjahrs, die “Fiesta Bridge”. Die alte, rostige Eisenbahnbrücke über dem Fluss Waag wird für rund zehn Millionen Euro zum Kultur- und Begegnungsraum umgebaut. Neben einem Fußgänger- und Radweg soll es auf ihr bald ein Restaurant, Ateliers und Veranstaltungslokale geben. “Sie wird Trencins eigener Eiffelturm werden”, schwärmt auch Bürgermeister Richard Rybnicek.
Eine Rolle spielt die Nähe zur Ukraine. Kritiker werfen dem slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico einen zunehmend prorussischen Kurs vor. Unterdessen zeigt man sich in Trencin solidarisch mit dem angegriffenen Nachbarn. Knapp vier Jahre nach Beginn der russischen Invasion weht hier auf Gebäuden weiterhin aus Solidarität die Ukraine-Flagge. Beim Trenciner Musikfestival Pohoda, dem bedeutendsten Musikfestival der Slowakei, wird dieses Jahr teils auf Ukrainisch gesungen.
“Wir wissen, dass wir aus dieser kleinen Stadt heraus nicht alles ändern können. Aber wir möchten zeigen, wie wichtig die Unterstützung ist”, betont Krajci. Ihm selbst verlange der neue Job einiges an diplomatischem Geschick ab. Denn der Kultursektor der Slowakei sorgte in den vergangenen zwei Jahren über die Landesgrenzen hinaus für Negativschlagzeilen: Massenentlassungen an Museen und Galerien, gestrichene Gelder, eine rechtsnationale Ministerin, die slowakische Kultur verlangt “und sonst nichts”. Für Krajci und sein Team gelte es, zu vermitteln zwischen einer Politik, die die Schrauben enger dreht, und Kulturschaffenden, die sich mit Protest dagegen wehren. “Wir arbeiten irgendwo dazwischen.”