Die Wolle strahlt in bunten Farben. Meterlange Kunstwerke aus kleinen gestrickten Quadraten sind in der Galerie zu sehen, davor stellen sich vier Dutzend Frauen zu einem Gruppenfoto auf. Vernissage im slowakischen Trencin: Im Mittelpunkt stehen keine bekannten Künstler, sondern Leute aus der Stadt. „Nachbarschaftliche Verstrickungen“ heißt das Projekt, das schon einmal einstimmen soll auf das Jahr 2026, wenn Trencin zur Europäischen Kulturhauptstadt wird. Es teilt sich den Titel mit dem finnischen Oulo.
Das Großereignis krempelt schon jetzt die 55.000-Einwohner-Stadt um. Sie liegt ganz im Westen des Landes liegt, direkt an der Grenze zu Tschechien und eine Zugstunde von der Hauptstadt Bratislava entfernt. Der ovale Hauptplatz mit seinen historischen Bürgerhäusern ist neu gepflastert. Bei gutem Wetter wird er zum Korso, auf dem die Trenciner von Café zu Café flanieren. Die größte Barockkirche der Slowakei steht hier auf dem Platz, ein paar Schritte entfernt fließt die Waag durch die Stadt und darüber erhebt sich majestätisch eine mittelalterliche Trutzburg.
„Fast 1.000 Jahre lang war Trencin die Hauptstadt eines Verwaltungsbezirks in der nordwestlichen Peripherie von Ungarn“, erklärt Tomas Michalik, der stellvertretende Direktor des Stadtmuseums, „und nochmals vorher waren die Römer hier.“ Aus dem Jahr 179 nach Christus stammt eine Inschrift der Römer, die in den Burgfelsen eingemeißelt ist. Diese vielen Schichten der Vergangenheit sind in Trencin bis heute zu spüren.
Direktor des Kulturhauptstadt-Programms ist Stanislav Krajci: „Wir möchten die ganze Stadt mit einbeziehen“, sagt er. „Deshalb arbeiten wir ganz bewusst auch auf den Straßen, und das nicht nur im historischen Zentrum.“ Genau dafür sind die „nachbarschaftlichen Verstrickungen“ ein Beispiel: Das Projekt hat Frauen zusammengebracht, die einander vorher nicht kannten. Gemeinsam haben sie dann an den Kunstwerken gestrickt, Anschluss gefunden, Freundschaften geschlossen.
Solche Projekte in allen Vierteln der Stadt sollen das Kulturhauptstadtjahr prägen: Urban geht es nicht zu in Trencin, es gibt weder ein Opernhaus noch eine Philharmonie – stattdessen soll die Kultur zum Mittel werden, um den Zusammenhalt und den Austausch in der Stadt zu fördern.
Mit dem Titel der Kulturhauptstadt ist viel Aufmerksamkeit für Trencin in ganz Europa garantiert. Zuletzt hatte die Slowakei allerdings vor allem negative Schlagzeilen gemacht: Unter dem linkspopulistischen Premierminister Robert Fico, der zusammen mit Nationalisten regiert, gerät die Kulturszene unter Druck.
Politisch unliebsame Direktoren an renommierten Museen und Theatern werden abberufen, flächendeckend Gelder gestrichen. Geschlossen begehrt die Kulturszene seit fast zwei Jahren dagegen auf, die Demonstrationen ziehen landesweit Kreise. Bereits im vergangenen Jahr ist der öffentlich-rechtliche Slowakische Rundfunk (RTVS) aufgelöst und durch das Staatsmedium STVR ersetzt worden.
Die Proteste in der Slowakei betreffen nicht nur die Kunst: Premierminister Fico geht demonstrativ auf Konfrontationskurs zu EU und Nato. Sein moskaufreundlicher Kurs ist in der Slowakei denkbar umstritten. Und ausgerechnet in Trencin befindet sich der größte Standort des slowakischen Heeres.
Die Kultur könne dabei helfen, Brücken zu bauen, so formuliert es der Kulturhauptstadt-Direktor Krajci: „Über demokratische Werte oder auch die Europäische Union können wir nicht ohne den Begriff der Kultur nachdenken.“ Und so soll Trencin nicht nur ein Aushängeschild für Besucher aus ganz Europa für die Slowakei werden, sondern auch den innenpolitischen Diskurs bereichern.
Und noch eine andere Hoffnung gibt es zum Kulturhauptstadtjahr: Dass es eine Sogwirkung entfaltet, dazu beiträgt, dass junge Leute nach der Schule in der Stadt bleiben und nicht nach Bratislava oder ins nahe gelegene Tschechien ziehen. „Wir wollen dazu inspirieren, hierzubleiben“, sagt Katerina Jancikova. Sie hat ein paar Kilometer von Trencin entfernt im Städtchen Partizanske mit Gleichgesinnten eine leere Fabrikhalle gekauft und will dort mit Ateliers, Ausstellungen und Konzerten einen Magneten für Junge und Kreative schaffen. Auch das wird Teil des Kulturhauptstadtjahres: Die alte Industriestadt Partizanske ist ein Symbol für den Strukturwandel.