Energydrinks: “Vor allem Jugendliche trinken gefährlich große Mengen”

Ernährungswissenschaftlerin über Risiken von Red Bull und Co

Energydrinks sind in - auch bei Kindern. Doch schon eine große Dose Energydrink überschreitet bei Zwölfjährigen die unbedenkliche Menge an Koffein, sagt Ernährungswissenschaftlerin Lena Melzer vom Stuttgarter Gesundheitsamt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Ein Zuviel an Energydrinks könne gefährliche Folgen haben, warnt sie und rät zu mehr Aufklärung und strengeren gesetzlichen Regelungen.

epd: Frau Melzer, jeder Supermarkt bietet sie an: Die bunten Dosen mit Energydrinks. Doch wie sieht es aus gesundheitlicher Sicht aus: Sind Energydrinks für Kinder schädlich?

Lena Melzer: In den Energydrinks steckt in der Regel sehr viel Zucker - in einer 500-Milliliter-Dose etwa 60 Gramm, also etwa 20 Stück Würfelzucker. Ein zu hoher Zuckerkonsum fördert Übergewicht, Diabetes und Karies. Außerdem greifen Säuerungsmittel wie Zitronensäure, die häufig zugesetzt sind, den Zahnschmelz an.

epd: Und was ist mit dem Koffein, das in Energydrinks enthalten ist?

Melzer: In einer kleinen Dose (250 ml) stecken etwa 80 Milligramm Koffein - so viel wie in einer Tasse Kaffee, oder doppelt so viel wie in einer Cola. Viele trinken aber größere Mengen, weil der hohe Zuckergehalt den bitteren Koffeingeschmack überdeckt. Das kann zu einer schnellen, hohen Koffeinaufnahme führen.

epd: Ab welcher Menge wird Koffein gesundheitlich gefährlich?

Melzer: Generell ist das immer abhängig davon, wie man auf Koffein reagiert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gibt 200 Milligramm Koffein als unbedenkliche Einzeldosis für Erwachsene an - das entspricht etwa 600 Milliliter Energydrink oder zwei bis drei Tassen Kaffee. Über den Tag verteilt sollten 400 Milligramm nicht überschritten werden.

Kinder und Jugendliche vertragen wegen ihres geringeren Körpergewichts allerdings deutlich weniger: Drei Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag sollten nicht überschritten werden. Ein Zwölfjähriger mit 50 Kilo sollte also höchstens 150 Milligramm pro Tag aufnehmen. Diese Menge ist schon mit einer 500-Milliliter-Dose überschritten. Eine Stichprobe der Verbraucherzentrale Niedersachsen hat gezeigt, dass alle getesteten 500-Milliliter-Dosen bereits die kritische Koffeinmenge für Kinder bis 50 Kilogramm Körpergewicht überschritten haben.

epd: Welche Folgen kann die Einnahme von zu viel Koffein haben?

Melzer: Neben Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen kann es zu Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder sogar einem Kreislaufkollaps kommen - vor allem, wenn körperliche Anstrengung, Schlafmangel oder Vorerkrankungen dazukommen. Besonders kritisch ist es, wenn Energydrinks mit Alkohol kombiniert werden, weil Koffein die Wirkung von Alkohol überdeckt und so riskantes Verhalten fördern kann.

epd: Gibt es gesetzliche Grenzen für den Koffeingehalt?

Melzer: Ja. In Deutschland sind maximal 320 Milligramm Koffein pro Liter erlaubt. Enthält ein Getränk mehr als 150 Milligramm pro Liter, muss es den Hinweis tragen: „Erhöhter Koffeingehalt - für Kinder und Schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen.“ Dieser Warnhinweis ist jedoch oft relativ klein gedruckt auf der Rückseite einer Dose zu finden und wird deshalb oft kaum wahrgenommen.

epd: Wer ist besonders gefährdet?

Melzer: Vor allem Jugendliche trinken gefährlich große Mengen. Eine Studie zeigt, dass ein Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren, die Energydrinks zu sich nehmen, oft drei oder mehr Dosen auf einmal trinken - damit werden selbst für Erwachsene geltende Höchstmengen überschritten. Zudem gibt es mittlerweile sogenannte „Energy Shots“, kleine Portionen mit extrem hohem Koffeingehalt. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung trinken rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen übermäßig viele Energydrinks.

epd: Ist es nur eine subjektive Wahrnehmung oder nimmt der Konsum unter jungen Menschen tatsächlich zu?

Melzer: Das ist auf jeden Fall so. Von 2018 bis 2023 ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Energydrinks und Sportgetränken um etwa zwei Drittel gestiegen. Ein Grund ist das aggressive Marketing: Energydrinks werden mit Versprechen wie „mehr Energie“ oder „bessere Leistung“ beworben - und gezielt über Social-Media-Influencer vermarktet.

epd: Sollten Energydrinks aus Ihrer Sicht ein Mindestalter haben?

Melzer: Ja. Andere Länder haben bereits reagiert: In Polen, Schweden und Norwegen ist der Verkauf an Minderjährige verboten. Auch in Deutschland fordern Organisationen wie der Bürgerrat Ernährung oder die Verbraucherzentralen ein Verkaufsverbot - mindestens für Jugendliche unter 16 Jahren, teilweise sogar für alle Minderjährigen.

epd: Sollte man Werbung für Energydrinks an Jugendliche einschränken?

Melzer: Das wäre sinnvoll. Denkbar sind auch Steuern auf Softdrinks oder strengere Werberegeln in sozialen Netzwerken. Parallel dazu braucht es Aufklärung, vor allem an Schulen, damit Kinder und Jugendliche die gesundheitlichen Risiken kennen. Wir als Gesundheitsamt Stuttgart setzen zum Beispiel auf Schulgesundheitsfachkräfte, die an Schulen unter anderem über Ernährung und Energydrinks informieren. Das erreicht die Jugendlichen direkt im Alltag. (2896/13.11.2025)

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