Solardorf Bracht: Energiewende selbst gemacht

Es ist ein deutschlandweit einmaliges Projekt und Vorbild für andere: Das “Solardorf Bracht” bei Marburg hat die Energiewende selbst in die Hand genommen.
Solardorf Bracht: Energiewende selbst gemacht
Rauschenberg-Bracht heizt dank Solarenergie und Engagement klimaneutral
epd-bild/Stefanie Walter

Reihe an Reihe ziehen sich die matt glänzenden Sonnenkollektoren über das Feld. Sie gehören zu einem außergewöhnlichen Projekt: In nur zwei Jahren Bauzeit haben es die Bürger von Rauschenberg-Bracht bei Marburg (Hessen) geschafft, ihre Wärmeversorgung weitgehend auf erneuerbare Energien umzustellen. „Wir haben alle an einem Strick und in die gleiche Richtung gezogen, das ist das Schöne“, sagt Helgo Schütze.

Schütze geht an einem Metallzaun entlang, hinter dem eine große, mit Folie bedeckte Fläche liegt. Der Deckel schließt ein Becken in der Erde ab, 14 Meter tief, wie eine umgedrehte Pyramide, gefüllt mit tausenden Kubikmetern Wasser. Vereinfacht gesagt, erklärt der Diplom-Ingenieur, funktioniert die Brachter Energiewende so: Die Sonnenkollektoren wärmen das Wasser im Sommer auf, im Winter gibt das Wasser die Wärme wieder ab. Unterstützend kommen zwei große Wärmepumpen und ein Biomassekessel mit Holzschnitzeln hinzu. Das Projekt ist deutschlandweit einmalig.

Tausende Stunden Ehrenamt für Nahwärme

Die Idee, die Wärmeversorgung selbst in die Hand zu nehmen, entstand vor mehr als zehn Jahren auf einer Sitzung des Ortsbeirats. Wie kann das Dorf attraktiver werden? Hauptwunsch war eine Versorgung mit Nahwärme. Es gründete sich zunächst ein Arbeitskreis und später eine Genossenschaft „Solarwärme Bracht“, die das Projekt planten und vorantrieben. „Wir haben tausende Stunden Ehrenamt investiert“, erinnert sich Genossenschafts-Vorstand Schütze.

Mann steht im Heizungskeller
Helgo Schütze vom Vorstand der Genossenschaft "Solarwaerme Bracht"
epd-bild/Stefanie Walter

Auf Infoveranstaltungen stellten die Gründungsmitglieder den Plan vor. Bei einem „Häuserkampf“, wie es Schütze schmunzelnd nennt, gingen sie von Tür zu Tür und sprachen mit den Leuten. „Aber wir haben den Hauptkern des Dorfes zügig erreicht. Die gute Vernetzung durch die Vereine hat geholfen.“ 193 Haushalte sind jetzt an die turmhohe Anlage am Ortsrand angeschlossen, rund zwei Drittel des Dorfs. Die ersten 40 werden bereits mit der Nahwärme beliefert. Täglich kommen Hausanschlüsse dazu.

Solardorf Bracht zeigt gelebte Solidarität in Krisenzeiten

Das Projekt könnte Vorbild für andere Dörfer sein, sagt der Professor am Fachbereich Maschinenbau an der Universität Kassel, Klaus Vajen, die das „Solardorf Bracht“ wissenschaftlich begleitet. In 20 Jahren sollen die Dörfer klimaneutral heizen. Dafür seien Erdbecken wie in Bracht „eine fast überall umsetzbare und zudem günstige Lösung“. Vajen gibt zu bedenken: „Auf den Dörfern sind die Bewohner überdurchschnittlich alt und die Häuser unterdurchschnittlich wenig wert.“ Die Leute seien seltener bereit, Geld für eine umfassende Renovierung in die Hand zu nehmen. „Wenn dann ein Angebot aus der Bürgerschaft kommt, kann man die Leute mitnehmen mit solchen Projekten.“

14 Bioenergiedörfer gibt es im Landkreis Marburg-Biedenkopf, die einen Großteil ihrer Energie aus eigenen, regenerativen Quellen beziehen. Der Kreis gehört damit nach eigenen Angaben zu den deutschen Spitzenreitern. 11 oder 12 sind genossenschaftlich organisiert, wie der Teamleiter Klimaschutz, Michael Kauer, erklärt. „Aber dafür muss auch Expertise im Dorf sein.“ In Bracht gehören dem Vorstand der Genossenschaft unter anderem zwei Fachleute aus der Energiewirtschaft, ein Landwirt, ein Verwaltungsexperte, ein Architekt und ein Banker an.

Unterstützung durch Pfarrer half dem Solardorf Bracht

Kauer sagt: „Wenn es gut läuft, stärkt so ein Projekt die Dorfgemeinschaft.“ Zwei Dörfer jedoch hätten es nie von der Planungsphase in die Umsetzung geschafft. Die Hälfte der Leute sei dagegen gewesen - „das hat das Dorfleben strapaziert“. Hilfreich sei, wenn ein Ortsvorsteher oder ein Pfarrer die Idee voranbringe.

Fast alle Ausgaben für fossile Energien zur Wärmebereitstellung spart Bracht ein. Helgo Schütze blickt stolz auf die anstrengenden Jahre zurück. „Das Dorf ist enger zusammengewachsen.“ 

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