Der Welt-Gold-Tag am Samstag will einen Wandel im ausbeuterischen Umgang mit der Ressource Gold fördern. Hier kommt ein frühes Beispiel europäischer Gier nach dem “El Dorado”, dem mit Gold bedeckten Mann.
Das ist es also: das legendäre Eldorado… Von hier oben sieht die Lagune von Guatavita so friedlich aus, malerisch und spiegelglatt; ein kleiner, smaragdgrüner Bergsee in 3.100 Meter Höhe im Departamento Cundinamarca im Herzen Kolumbiens. Kaum mehr vorzustellen, was Europäer nicht schon alles angestellt haben, um diesem freundlichen 20-Hektar-Gewässer mit seinen rund zwei Millionen Litern Wasser auf die Pelle zu rücken.
Bis zur Ankunft der spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert war die Region der Sabana de Bogotá (Savanne, Grasland) das Gebiet der hochentwickelten indigenen Hochkultur der Muisca. In der Region von Zipaquirá ansässig, hatten sie große astronomische Kenntnisse, eine komplexe Religion um die Verehrung von Naturkräften wie Sonne, Mond und Erdmutter – und eine enorme Kunstfertigkeit, etwa für Goldverarbeitung und Keramik. Die Muisca lebten von Landwirtschaft, von Bergbau und dem Handel mit Coca, Kunst und Smaragden.
Allerdings brachte das Auftauchen der Spanier die kulturelle Blüte und die Strukturen der Muisca-Gesellschaft allzu bald zum Kollaps. Schuld war die Legende von El Dorado, wörtlich: dem “goldbedeckten Mann”. Wie sie konkret entstand, liegt im Dunkel der Geschichte. “Eldorado” stand jedenfalls schnell für Unmengen von Gold, die in der Neuen Welt zu holen seien; so auch eine sagenumwobene “Stadt aus Gold” oder gar ein Goldreich, die es zu finden galt.
Die Version vom El Dorado am See von Guatavita hat etwa der Schriftsteller Juan Rodríguez Freyle (1566-1642) aufgeschrieben, selbst Sohn eines Konquistadoren. Demnach hatten die mit Gold und Legierungen so geschickten Muisca den Brauch, ihren neuen König – oder Kazike, Häuptling – bei der Inthronisierung mit Goldstaub zu bedecken. Der neue Herrscher sollte glänzen wie der “Sohn der Sonne”.
Der goldbedeckte Kazike wurde dann mit einem Floß in die Mitte des heiligen Sees gefahren, wo er sich durch ein rituelles Bad reinigte. Sein Gold war eine Opfergabe an die Götter, ebenso wie Goldschmuck und Smaragde, die seine Begleiter in die Tiefe der Lagune warfen. Die Zeremonie symbolisierte die Gemeinschaft des Häuptlings mit den Göttern und der Natur und sollte letztlich den Wohlstand des Volkes sichern. Berühmtestes und wertvollstes Zeugnis dieses Rituals ist das “Goldfloß des Eldorado”, das heute im Museo del Oro (Goldmuseum) in Bogotá zu sehen ist.
Die Legende hat die Fantasie von Konquistadoren, Abenteurern und Archäologen über Jahrhunderte gefesselt; fast unzählige Such-Expeditionen waren die Folge. Schon seit den 1540er Jahren versuchten spanische Eroberer, den See zu entwässern, um an Gold-Artefakte zu kommen. Tatsächlich handelt es sich geologisch nicht um einen Vulkankrater, sondern um eine kreisrunde Vertiefung durch eine Bodensenkung.
Gonzalo Jiménez de Quesada, der Gründer von Bogotá, hörte 1537 bei seiner Eroberung der Muisca-Gebiete von der Eldorado-Legende. Das Gerücht von einem See voller Schätze beflügelte die Fantasie der Spanier. Sein Bruder Hernán Pérez de Quesada, der Kapitän Lázaro Fonte und andere setzten 1545 in der Trockenzeit einheimische Sklaven ein, um Wasser abzuschöpfen und einen Tunnel in den Berghang zu bohren. Es gelang ihnen zwar, den Wasserpegel um etwa drei Meter zu senken; auch sollen sie tatsächlich etwas Gold, Edelsteine und Schmuck geborgen haben. Doch der Aufwand war enorm – noch enormer als die ursprünglichen Erwartungen.
1580 startete der Abenteurer Antonio de Sepúlveda einen neuen Versuch, mit einer breiten Schneise das Ufer aufzugraben und so das Wasser abzuleiten. Was zuerst gelang – auch de Sepúlveda fand einige Goldgegenstände und Edelsteine -, mündete in eine Katastrophe: Viele der indianischen Arbeiter ließen bei einem Erdrutsch ihr Leben. Neuerliche Versuche von Bergleuten 1625, von José Ignacio Paris, einem Freund von Simón Bolívar, in den 1820er Jahren oder den britischen Offizieren Hamilton und Campbell 1832 scheiterten ebenso.
Vielleicht am nächsten dran war 1898 der britische Unternehmer Hartley Knowles. Ihm gelang es, mit einem Tunnel das gesamte Wasser des Sees abzulassen. Doch der Schlammboden härtete rasch aus und begrub wohl mehr Funde als die einigen wenigen, die er tatsächlich freigegeben hatte. Bald schon war der Tunnel verstopft, und der See füllte sich wieder mit Wasser.
1965 erklärte Kolumbien den Bergsee von Guatavita zum nationalen Erbe. Heute bietet die Lagune, näherhin der Weg oberhalb des Ufers, eine grandiose Aussicht auf die umliegende Landschaft von Cundinamarca und die Anden. Mystischer noch mag der Ort sein, wenn er in Nebel gehüllt ist.
Heute scheint die so manische wie vergebliche Suche der Europäer nach einer Goldenen Stadt in vielen Teilen Lateinamerikas endlich an ihr Ende gekommen. Die Besessenheit von “El Dorado” brachte Gewalt und Ausbeutung über die Ureinwohner des Kontinents. Dabei hatte schon um die Zeitenwende ein Europäer, Publius Vergilius Maro, genannt Vergil, in seiner “Aeneis” gewarnt: “Wozu treibst du nicht die Herzen der Menschen, verfluchter Hunger nach Gold!”