Ein Jahr nach Beginn der Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah normalisiert sich das Leben im Norden Israels. Die Angst vor weiteren Angriffen bleibt – und auch die seelischen Spuren des Krieges.
Seit gut einem Jahr hält im Norden Israels die Waffenruhe mit der Hisbollah im Libanon. Viele Bewohner sind in ihre evakuierten Orte zurückgekehrt. Israels Regierung hat eine lang verzögerte Wiederaufbauhilfe von 316 Millionen Euro für einen Teil der Region beschlossen. Doch das Sicherheitsgefühl der Menschen entlang der libanesischen Grenze ist zerbrechlich. Das Trauma des Kriegs bleibt.
“Schon vor dem 7. Oktober gab es hier immer wieder Raketen”, sagt Ruti. Die 75-Jährige lebt im Kfar Blum. Der Kibbuz mit knapp 1.000 Bewohnern liegt in Obergaliläa, fünfeinhalb Kilometer Luftlinie von der “Blauen Linie” entfernt, die als Demarkationslinie den Norden Israels vom Süden des Libanon trennt. Mit der Angst verhalte es sich wie bei einer Geburt: “Sie tut weh, aber man vergisst sie sehr schnell wieder.” Das Phänomen habe sich mit dem jüngsten Krieg verändert. Das Gefühl, das sie “seit Oktober 2023 im Körper” habe, verlasse sie nicht mehr, sagt Ruti. Ein Gefühl von “Nichtwissen”, von fehlender Sicherheit.
Kfar Blum ist beschaulich. Das Tor an der Zufahrt ist weit geöffnet; keiner kontrolliert mehr, wer ein-, wer ausgeht. Der Kibbuz liegt außerhalb der vier Kilometer breiten Evakuierungszone. Mit Beginn des Mehrfrontenkrieges vor zwei Jahren forderte Israel 60.000 Bewohner in dem Streifen auf, sich in Sicherheit zu bringen. Im örtlichen Café mit seiner bunten Tischsammlung auf dem Rasen herrscht Mittagspause. Vor allem Schüler und Studierende frequentieren den benachbarten kleinen Supermarkt.
Rotem ist eine von ihnen. Erst im April, Monate nach Eintreten der Waffenruhe im Norden, zog sie aus Tel Aviv nach Kfar Blum, um an der Tel-Chai-Hochschule Ernährungswissenschaften zu studieren. Freunde und Familie hätten sie als verrückt bezeichnet, sagt die 26-Jährige. Doch Rotem ist entspannt. Die Angriffe aus dem Iran im Juni seien zwar “wirklich beängstigend” gewesen, aber die seien jetzt Geschichte. Die jüngst wieder verstärkten Angriffe der israelischen Armee auf den Süden des Libanon spüre man in Kfar Blum nicht. Auch die Rückkehr der noch lebenden Geiseln aus dem Gazastreifen habe zu einer Erleichterung geführt.
Noch nördlicher liegt Ramot Naftali. Keine drei Kilometer Vogelflug trennen die 500 Bewohner vom Libanon. Trümmer einer Flugabwehrrakete liegen am Eingang zum Weingut Ramot Naftaly, eine von drei Kellereien in dem kleinen Ort am Fuß der Naftali-Berge. “Jeden Morgen haben wir Raketenteile und Splitter gefunden”, sagt Winzer Jitzchak Cohen. 186 Alarme gab es in Ramot Naftali zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem Waffenstillstand am 27. November 2024 – durchschnittlich alle zwei bis drei Tage. Cohen schenkt sich und zwei Freunden aus anderen Grenzorten eine Weinprobe ein.
Den Waffenstillstand habe Israel mit der libanesischen Regierung geschlossen, nicht mit der Hisbollah, sagt der Winzer. Sein Land müsse wachsam sein. “Bis Libanon nicht alle Verantwortung übernimmt und die Hisbollah entmachtet und entwaffnet, müssen wir präsent sein.” Die Schiiten-Miliz jenseits der Grenze, glaubt der 76-Jährige, wartet nur darauf, dass sich Israel zurückzieht.
Die Armee scheint die Lage ähnlich zu beurteilen. Quasi täglich flog sie in den vergangenen Wochen Angriffe auf libanesisches Gebiet; nach Armeeangaben auf Hisbollah-Ziele, nach einem UN-Expertenbericht von Mitte Oktober mehr als 500 Angriffe seit Inkrafttreten des Waffenstillstands vor einem Jahr. 624 Angriffe zwischen dem 27. November 2024 und dem 2. November 2025 zählt das Forschungszentrum Alma, das sich auf die Hisbollah spezialisiert hat; der allergrößte Teil davon auf das Gebiet nördlich und südlich des Litani-Flusses.
Dass die Waffen ruhen, sieht Winzer Cohen als “zwar nicht perfekt, aber doch eine große Sache”. Die Frage nach der Stabilität der momentanen Ruhe bringt Bewegung in das Gespräch der Freunde. “Es wird nichts passieren. Es bleibt ruhig”, glaubt Ronen aus Betzet. Es sei nur “die Ruhe vor dem Sturm, aber der Sturm wird nicht von der Nordgrenze kommen”, hält Eyal aus Kfar Vradim dagegen. Als nächstes werde das Zentrum des Landes explodieren, weil “die Araber verstanden haben, dass jeder erfolgreiche Terrorakt ihnen etwas bringt”.
Noch weitere Kilometer entlang der Grenze, in Schlomi nahe der Küste, rechnen viele nicht mit einem festen Frieden. “Hass endet nicht. Das wird viel Zeit brauchen, wenn es überhaupt geschieht”, sagt Yair. Er ist verantwortlich für einen Supermarkt in Schlomi. Die 8.300-Einwohner-Stadt reicht direkt an die Blaue Linie. Grenznähe und Hanglage machten den Ort zu einem der meistgetroffenen Ziele der Hisbollah. Jetzt vergilben am Ortseingang die Transparente mit der Aufschrift “Willkommen zurück”. Entlang den Straßen bewerben weniger vergilbte Schilder Häuser zum Verkauf.
In den vergangenen Wochen hätten sie verstärkt Hisbollah-Präsenz an der Grenze gesehen, sagt Yair; ein Stressfaktor für viele. “Wir sind sehr sensibel für kleinste Hinweise, und die Angst wird bleiben.” So wie die Armee weiter stark in der Gegend präsent ist. Zuletzt gab es eine große Militärübung. “Es gibt Leute, die das als Zeigen von Stärke deuten. Andere sagen, die Armee trainiere nicht ohne Grund”, sagt Yair. Er selbst befürchtet auf Jahre keine weiteren Angriffe. “Wir haben militärisch viel gelernt, und die wichtigste Lektion: nicht auf Verteidigung zu verzichten.”