Ein Stock ist ein Stock ist ein Stock. Bis vor Kurzem hätte Markus Mergenthaler das vermutlich auch so gesehen. Doch dann saß der Leiter des Iphöfer Knauf-Museums auf Einladung von Kunstsammler Thomas Dennerlein inmitten historischer Spazierstöcke. „Das ist so cool, das Thema, so unglaublich vielseitig“, dachte sich Mergenthaler und machte daraus gemeinsam mit Dennerlein und dessen Frau Susanne eine Ausstellung. Knapp 120 Spazierstöcke aus dem 17. bis 19. Jahrhundert werden vom 30. März bis 6. Juli unter dem Titel „Stocktanz“ im Knauf-Museum in Iphofen (Landkreis Kitzingen) gezeigt.
Seit frühester Jugend sammelt Thomas Dennerlein Spazierstöcke. Sogar das für seinen Führerschein gedachte Geld soll er als junger Mann in einen historischen Stock gesteckt haben, sagt Mergenthaler. Wenn einer so viel Leidenschaft für ein Thema hat, bringt er im Laufe des Lebens eine illustre Sammlung zusammen. Für Mergenthaler war es nicht leicht, eine Auswahl zu treffen. Zu sehen sind nun Stöcke von Prominenten, solche mit besonderen Funktionen oder Tier-Köpfen als Knauf und andere, die aus Glas gefertigt und mit teuren Edelsteinen verziert sind.
Die Ausstellung ist thematisch gegliedert. Da sind zum einen die Stöcke, die eindeutig als Gehhilfen genutzt wurden. Andere wiederum sind zu filigran oder vom Material her nicht geeignet, sich darauf abzustützen – sie wurden eher als Flanierstöcke unter den Arm geklemmt oder auch zum „wilden Gestikulieren“ verwendet, wie erst vor wenigen Tagen vom Texaner Al Green im US-Repräsentantenhaus, als er gegen Präsident Donald Trumps Rede wetterte. Die meisten Exponate sind aus dem 19. Jahrhundert, der Blütezeit des Spazierstocks als bürgerliches Statussymbol.
Neben der teilweise aufwendigen Herstellung und filigranen Gestaltung bestechen einige der Spazierstöcke durch ihre versteckten Funktionen. „In einigen Knäufen waren Pillendosen integriert, andere hatten einen Sextanten auf dem Knauf“, berichtet Mergenthaler. Andere Stöcke wiederum dienten in Gänze als Fernrohr oder beherbergten ganze Instrumente: Die im Schaft versteckte Piccolo-Querflöte mag dabei noch einigermaßen naheliegend sein – dass man im Spazierstock eine „Stockgeige“ samt Bogen und Stimmschlüssel unterbringen kann, eher weniger.
Einen besonderen Blick versucht die Ausstellung auch auf die verschiedenen Motive auf den Stöcken zu legen. Da gibt es Stockgriffe mit integriertem Kruzifix, auf einem anderen ist die alttestamentarische Geschichte von Jona und dem Wal zu sehen. Ein anderer Knauf ist ein schwarzer Katzenkopf mit Brille, weitere zieren goldene Schneckenhäuser oder Drachenköpfe, fratzenartige Masken oder Pelikane. Die Materialien sind dabei so verschieden wie die Motive: Etliche sind aus Holz, andere aus Tierknochen, manche Griffe aus Gold, Silber oder aus japanischem Porzellan.
Damit die Sonderschau nicht „stocksteif“ daherkommt, fährt das kleine Knauf-Museum – der Name kommt übrigens vom Baustoff-Konzern und hat nichts mit dem oberen Stock-Ende zu tun – multimedial einiges auf. Empfangen wird man vom namensgebenden Video-Schattenspiel, in dem die Darsteller beim Flanieren und Verweilen im Park allerhand mit ihren „Spazierstöcken“ anstellen. Zudem gibt es ein Stock-Quiz, eine Animation ineinander fließender Stock-Knäufe sowie eine Audioführung. „Alles von uns produziert, nicht von Museums-Agenturen“, sagt der Kurator stolz.
Mitten in der Ausstellung, die sich über zwei Etagen erstreckt, schillert auch etwas Glanz und Glamour vergangener Zeiten. Gezeigt wird unter anderem einer der (vielen) Original-Gehstöcke des surrealistischen Malers Salvador Dalí (1904-1989): ein schlichter schwarzer Stock, dessen silberner Totenkopf-Knauf den Betrachter mit starrem Blick in den Bann schlägt. Ausgestellt ist auch ein Gehstock des Bauhaus-Gründers Walter Gropius (1883-1969), dessen Knauf – für Liebhaber von Geduldsspielen unschwer erkennbar – an den berühmten „Teufelsknoten“ erinnert.
Bleibt die Frage, warum Spazierstöcke als Sonntags-Accessoire für Mann und Frau plötzlich wieder aus der Mode gekommen sind. Eine wissenschaftlich ausrecherchierte Antwort hat Mergenthaler nicht, aber eine Vermutung: „Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg hatten Gehhilfen und Spazierstöcke wegen der vielen Versehrten, die sie zum täglichen Fortkommen benötigten, einen negativen Touch.“ Auch wenn der Spazierstock in der Weimarer Republik noch einmal kurz in Mode kam – den Hauch des „Orthopädiestocks“ wurde er nicht mehr los. (0831/11.03.2025)