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Ein halbes Jahr Gazakrieg – Elend und Sorge um die Helfer

Sechs Monate Krieg in Nahost und keine Sicht auf Besserung. Hilfsorganisationen ziehen ein düsteres Fazit für die Bevölkerung in Gaza – und müssen sich doch auch mit der eigenen Sicherheit beschäftigen.

Ein halbes Jahr nach dem Beginn des Gazakrieges haben Hilfswerke auf die katastrophale humanitäre Situation der dortigen Bevölkerung aufmerksam gemacht. Nach einem israelischen Angriff, bei dem humanitäre Helfer getötet wurden, berieten mehrere Organisationen außerdem über eine mögliche Zukunft der Unterstützung vor Ort. Deutlich verurteilten sie aber auch den Angriff der Hamas sowie die Tatsache, dass diese immer noch Geiseln bei sich hält.

Der Krieg und die dadurch bedingte Fluchtbewegung führte nach Angaben der Organisation Care dazu, dass die krankheitsbedingten Todesfälle in Gaza rapide angestiegen sind. Seit dem Beginn der israelischen Militäroperation im Oktober 2023 wurden demnach fast 600.000 Fälle von akuten Atemwegsinfektionen und mehr als 220.000 Fälle von Durchfallerkrankungen gemeldet. Auch Krätze, Hautausschläge und Hepatitis A träten vermehrt auf.

Insbesondere ältere Menschen, Schwangere und Kleinkinder unter fünf Jahren seien akut gefährdet. Sie stürben an Krankheiten, “die absolut vermeidbar und behandelbar sind”, erklärte die zuständige Care-Länderdirektorin Hiba Tibi.

Auch World Vision wies auf die Folgen des Krieges für Kinder hin. Selbst bei einem Ende der Kampfhandlungen bleibe die Gefahr für eine Hungersnot gerade bei Kindern bestehen. “Der Tribut, den die Kinder für ihre geistige und körperliche Gesundheit sowie für ihre Bildung zahlen müssen, ist absolut verheerend und wird eine ganze Generation betreffen, wenn sich die Verantwortlichen nicht für einen sofortigen und dauerhaften Frieden einsetzen”, so der World Vision-Präsident Andrew Morley.

Handicap International (HI) geht von einer wachsenden Zahl von Menschen mit Amputationen und kriegsbedingten Behinderungen im Gazastreifen aus. Dabei verhindere der Mangel an medizinischem Personal und Hilfsgütern erforderliche Operationen. “Die humanitäre Situation ist nicht mehr zu bewältigen”, erklärte Regionaldirektor von HI-Nahost, Federico Dessi.

Am 7. Oktober hatten Hamas-Terroristen im Süden Israels ein Massaker mit rund 1.200 Toten angerichtet und mehr als 200 Menschen in den Gazastreifen verschleppt, von denen Dutzende immer noch festgehalten werden. Israel antwortete mit einer großangelegten Militäroffensive, die bis heute anhält.

Bei einem israelischen Luftangriff auf einen Konvoi im Gazastreifen waren am Montag sieben Hilfskräfte der US-Organisation World Central Kitchen (WCK) getötet worden. Mehrere Hilfsorganisationen diskutierten deswegen am Donnerstagabend in Berlin, ob weiter humanitäre Hilfe möglich sei. Es bestünde auf höchster Ebene ein ständiges Spannungsverhältnis zwischen der Fürsorgepflicht gegenüber den eigenen Mitarbeitern und dem moralischen Gebot, auf eine unvorhergesehene humanitäre Katastrophe zu reagieren, erklärte etwa Scott Paul von Oxfam.

Dennoch gehe es momentan nicht darum, die Hilfen komplett einzustellen. Der akuten Hungersnot in Gaza könne man nicht damit begegnen, “jemandem Lebensmittel vor die Haustür zu legen oder sie vom Himmel fallen zu lassen oder sie von einem Pier abzuladen”. Die Organisationen forderten deshalb erneut einen erleichterten humanitären Zugang zum Gazastreifen sowie einen Waffenstillstand. Zudem müssten Waffenlieferungen sowohl an Israel und als auch bewaffnete palästinensische Gruppen sofort ausgesetzt werden.