Ein Dorf kämpft mit den Folgen des Hamas-Terrors

Kehrt das Leben zurück nach Netiv Haasara?

Das israelische Dorf Netiv Haasara liegt unmittelbar am Gazastreifen. Hier wurden am 7. Oktober 17 Bewohner von Terroristen der Hamas ermordet. Die Überlebenden kämpfen mit den wirtschaftlichen und psychischen Folgen.

Netiv Haasara liegt tief in der Sperrzone, die die israelische Armee seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober rund um den Gazastreifen gezogen hat. Von rund 1.000 Bewohnern des israelischen Dorfes sind nur noch die ortsübliche Notfallverteidigungseinheit und einige Landwirte da. Der Rest ist fest in militärischer Hand. "Was am 7. Oktober passiert ist, hat unsere Seelen geknackt", sagt Micha Schmilowitsch vom Notfallkommando. Die Frage, ob man einst zurückkommen werde, stelle sich derzeit niemand, denn man habe "Angst vor der Antwort".

Vier Generationen lebten hier, 240 Familien, erzählt Micha, darunter die 64 Familien, die 1983 das Dorf an seinem neuen Ort gründeten. Vorher, sagt der 50-Jährige, waren sie im Sinai, wurden mit den Oslo-Abkommen evakuiert. Jetzt säumen Armeestellung und Raketen die Straßen ins Dorf. Bis auf 250 Meter reichen seine Gewächshäuser an die Grenzanlage nach Gaza heran. Durch die Netze, die die Pflanzen vor Wind, Wetter und Vögeln schützen, zeichnet sich deutlich der Umriss eines Panzers.

Ob Paprika, Blumen oder Kräuter, in den Gewächshäusern sind sie auf Freiwillige angewiesen, um die Verluste so gut es geht einzudämmen. Die Arbeiter, vor allem Gastarbeiter aus Thailand, haben den Ort verlassen. Die Schäden des Kriegs, sagt Paprikazüchter Eran, "gehen weit über den unmittelbaren Verlust hinaus. Wir verlieren nicht nur die Pflanzen, sondern unsere Kunden." Alle paar Jahre ein Krieg mache die Produzenten im Süden trotz bestem Fachwissen zu unzuverlässigen Partnern für Firmen. Kampfhandlungen seien sie hier gewohnt, aber das aktuelle Geschehen sei mit nichts zuvor vergleichbar.

Mit Gleitschirmen drangen die Terroristen an jenem verhängnisvollen Schabbat nach Netiv Haasara ein. Ein Foto auf dem Display von Michas Schmilowitschs Mobiltelefon zeigt den zurückgelassenen Schirm in einem Baum, einer von dreien, die sie gefunden haben. Alles beim Rundgang durch den kleinen Ort trägt Spuren und Erinnerungen an den 7. Oktober. Hier der öffentliche Schutzraum, in dem eine 75-jährige Bewohnerin Zuflucht gesucht hatte, als der Raketenalarm begann. "50 bis 60 Kugeln" habe der Terrorist aus nächster Distanz auf sie abgefeuert, "zum Vergleich: in einem Magazin sind 35 Kugeln". Worte, die die Kaltblütigkeit des Mordens unterstreichen.

Auf der anderen Straßenseite: Einschusslöcher im Stamm eines Baumes. Michas Arme spannen weit aus. Dort der Baum, hier die Leiche von Oren, einem Freund aus der Notfallverteidigungseinheit, erschossen in den Sekunden, die er brauchte, das Magazin seiner Waffe zu wechseln. Ein paar Straßen weiter das verkohlte Metallgerüst, das einmal das Haus der Künstlerin Bilha Yinon und ihres Mannes Yaakovi war. Exotische Masken und bunte Fantasiegestalten aus Ton ragen unwirklich aus den Trümmern.

Anders als viele der Orte an der Westgrenze zum Gazastreifen sind die meisten Gebäude in Netiv Haasara unbeschädigt geblieben, auch das Haus von Micha ein paar Meter vor einem der Zugangstore. Micha betritt es mit entsichertem Maschinengewehr, "für den Fall, dass sich noch Terroristen irgendwo verstecken". Dann erst öffnet er die automatischen Rollläden. Das Fenster gibt den Blick frei auf die weiten landwirtschaftlichen Flächen des Ortes. Und auf die Sandsäcke auf der Terrassenmauer, wohl eine Scharfschützenstellung.

Hier auf dem Fußboden, zwischen dem Sofa und dem antiken Radio, habe er gesessen, stellt Micha den Morgen des 7. Oktober nach. In Unterwäsche, ohne Schutzausrüstung, mit der Pistole und den Blick auf Vorder- und Hintereingang, um seiner Frau und seinen beiden Kindern im Teenager-Alter notfalls einige Minuten Vorsprung bei der Flucht zu verschaffen. Über Stunden verbarrikadierten sich Micha und die anderen Dorfbewohner in ihren Häusern, warteten darauf, "gerettet oder getötet" zu werden. Für 17 von ihnen kam die Hilfe zu spät, für die, die überlebten, veränderten diese Stunden alles. "Unsere größte Angst wurde zum Leben erweckt", sagt Micha.

Die Angst des 7. Oktober – sie steckt auch Ronen noch spürbar in den Knochen. Eigentlich hätte er an jenem Schabbat den Sonnenaufgang am nahegelegenen Zikim-Strand fotografiert, wäre er nicht an dem geschlossenen Zufahrtstor gescheitert. "Wenn ich bis Zikim gekommen wäre, stünde ich heute nicht hier", sagt er, während er mit seiner Kamera durch die Paprikapflanzen eines der Gewächshäuser streift.

Die Kamera, die ihn am 7. Oktober beinahe in die Arme der Hamas-Terroristen geführt hätte, sie wurde ihm zum mentalen Rettungsanker, als er in einem Schutzraum zwischen den Feldern ausharrte. "Ich machte Fotos, um mich zu beschäftigen, nur, um den Klang des Auslösers zu hören und mich zu beruhigen." Bild für Bild. Die Rauchschwaden der Raketen am Himmel, den Gleitschirm eines Terroristen, den Sonnenaufgang, der eine neue Zeitrechnung in Netiv Haasara einleiten sollte. "Am Abend des 6. Oktober schickte ich meinen Freunden ein Bild vom Sonnenuntergang über den Salatfeldern von Nachal Oz als Gruß zum Schabbat. Zwölf Stunden später wurde unsere Welt auf den Kopf gestellt."

Ronen zog die beängstigende Situation den Boden unter den Füssen weg. "Meine Beine haben mich nicht mehr getragen. Noch nie in meinem Leben habe ich so die Kontrolle verloren." Der 56-Jährige sucht nach Worten, die stark genug sind, das Erlebte zu beschreiben. Am Ende sind es die Fotos vom 7. Oktober, die die Sprache ersetzen. Der Sonnenball hinter den Baumkronen von 6:52 Uhr, die von hinten angestrahlten Wolkenumrisse von 7:06 Uhr. 14 Minuten, in denen er sich zu Atemübungen zwang, "bis meine Beine zurückkamen".

"Linshom", atmen, steht in großen Buchstaben auf Ronens rechtem Unterarm. Die Haut über der Tinte der frischen Tätowierung verheilt langsam.

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