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Wege aus der Drogensucht: Arbeit und Verantwortung als Chance

Es begann mit dem Feierabend-Bierchen. Dann geriet der Koch Andreas Schwarzer immer tiefer in die Spirale der Sucht. Der Hof Fleckenbühl bei Marburg habe sein Leben gerettet, sagt er.

Andreas Schwarzer leitet die Küche und die Brasserie auf Hof Fleckenbühl
Andreas Schwarzer leitet die Küche und die Brasserie auf Hof Fleckenbühlepd-bild/Stefanie Walter

Die Tafel am Eingang kündigt als Tagesgericht eine Rote-Bete-Birnen-Suppe an, außerdem gibt es Ossobuco-Ragout und Rigatoni mit Maronen-Pilz-Sauce: Spitzenkoch Andreas Schwarzer hat die Küche von Hof Fleckenbühl bei Marburg auf ein neues Niveau gehoben. Früher arbeitete der 42-Jährige in der internationalen Haute Cuisine, bekochte Fußballmannschaften und Promis. Doch dann geriet er in die Spirale der Sucht.

„Fleckenbühl hat mein Leben gerettet“, sagt er an einem Wintermorgen in der blitzblanken und aufgeräumten Brasserie, die erst zum Mittagessen öffnen wird. Der schöne alte Gutshof liegt in einer überzuckerten Schneelandschaft, weitab von allem, mitten im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Auf dem Hof Fleckenbühl lebt eine Gemeinschaft von Suchtkranken
Auf dem Hof Fleckenbühl lebt eine Gemeinschaft von Suchtkrankenepd-bild/Stefanie Walter

Hof Fleckenbühl besteht aus einer Gemeinschaft von 120 Suchtkranken, die zusammen leben und arbeiten – etwa in der Haustechnik, der Landwirtschaft, im Umzugsservice, im Büro oder in der Küche. „Vom Vorstand herunter sind alle süchtig“, erklärt Schwarzer.

Weg in die Sucht beginnt oft unbemerkt

Schon mit elf Jahren wollte der gebürtige Thüringer Koch werden. Mit 16 zog er nach Stuttgart und lernte das Handwerk von der Pike auf. „Aber da ging es schon los mit dem Feierabend-Bierchen.“ Als 21-Jähriger arbeitete er in einem Top-Hotel in der Schweiz. „Ich bin gleich Chef geworden.“ Der Leistungsdruck stieg. Er wechselte in ein Sterne-Restaurant in Dresden. Feiern, Alkohol und Kokain gehörten zu seinem Leben.

Die Freundin verließ ihn, er flog raus und zog zurück nach Stuttgart. Eröffnete sein eigenes Restaurant, das sofort erfolgreich war – zu erfolgreich. Schwarzer schlief nachts auf den Stuhlkissen auf dem Boden in der Küche. „Ich brauchte zwei Flaschen Wodka am Tag.“ Er landete auf der Straße. Jemand hatte Schwarzers Mutter von Hof Fleckenbühl erzählt. „Mit 29 Jahren kam ich hierher, mit zwei Aldi-Tüten in der Hand“, erzählt er. Darin steckte sein ganzes Leben.

Gemeinschaft gegen Sucht: Selbsthilfe gibt Hoffnung

Der Hof wird von der Selbsthilfeorganisation „die Fleckenbühler“ betrieben. Von der Straße aus ist schon das Schild „Aufnahme“ zu sehen. Schwarzer erzählt: „Du musst nur klingeln und wirst aufgenommen“, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Es gelten drei verbindliche Regeln: kein Alkohol oder andere Drogen, kein Tabakkonsum, keine Gewalt. Als Selbsthilfeorganisation helfen die langjährigen Bewohner den Neuankömmlingen auf dem Weg in die Drogenfreiheit. Es gibt keine Therapeuten, ärztliche Unterstützung kommt bei Bedarf von außen.

Die Therapie bestehe aus Reden und Tun, erläutert Schwarzer. „Alle haben dieselbe Biografie. Du kannst niemanden verarschen.“ Pro Woche kämen 30 Neuankömmlinge; „die Hälfte geht wieder“. Aber nach 24 Stunden dürfen sie wiederkommen. „Manche waren schon sechs, sieben Mal hier.“

Auch Schwarzer wollte den Hof nach einem Jahr verlassen. Er pflegte wieder soziale Kontakte, ging Fußballspielen und joggte. Dann geschah das, was er als Eingebung bezeichnet. Er sah eines Morgens diesen Sonnenaufgang, „und ab diesem Punkt war alles neu, alle Synapsen waren neu ausgerichtet“. Er wusste: Sein altes Leben war vorbei. „Dann habe ich hier angefangen.“ Mittlerweile ist er verheiratet und hat ein Kind.

Neue Perspektiven nach der Drogensucht

Andreas Schwarzer leitet die Küche und die Brasserie des Hofs. Gekocht wird für die Gemeinschaft, für Gäste, Veranstaltungen und Kindergärten. Fleckenbühl ist vom Anbauverband Demeter zertifiziert und produziert nach Bio-Richtlinien. Seit 2025 gehört Schwarzer zum Team der Kochvereinigung „BIO“-Spitzenköche des Bundesverbands Ökologischer Landbau. Das macht ihn stolz. Aber noch wichtiger ist ihm: „Ich kann den anderen meine Lebensgeschichte mitgeben, sie hier in der Küche ausbilden. Wenn man sieht, wie einer hier ankommt und was aus ihm wird – das macht mich glücklich.“